Wintersemester 1957/1958

Als wir in den Semesterferien mit der Zusammenstellung des Programms begannen, ahnten wir nicht, daß unser Programmheft erst einen vollen Monat nach Vorlesungsbeginn erscheinen würde. Stößt die Auswahl von Filmen schon normalerweise auf Schwierigkeiten, so hatten wir dieses Mal eine Sysiphusarbeit zu bewältigen. Schuld daran ist vor allem auch der Gesetzgeber, dem die strengen feuerpolizeilichen Vorschriften für Filmtheater und die Tatsache, daß seit Jahren keine Unfälle vorkamen, nicht ausreichend erschien; jedenfalls trat am 30.11.1957 ein Gesetz in Kraft, nach dem keine Filme mehr ausgeliehen werden dürfen, die nicht auf Sicherheitsmaterial kopiert sind. Das sogenannte‚ Sicherheitsfilmgesetz erschwert nicht nur die Arbeit der Filmclubs, es macht sie fast unmöglich. Der größte Teil der Filme, die für uns in Frage kommen, sind auf Nitrofilm kopiert, d. h. sie fallen für unsere Programme in Zukunft aus, denn erst seit wenigen Jahren wird ausschließlich Sicherheitsfilm verwendet. Die Aufzählung der jetzt endgültig verschwundenen Streifen gleicht einer Chronik der Filmkunst. Ob wenigstens für Filmclubs eine Ausnahmeregelung getroffen wird, ist noch sehr fraglich. So wurden uns Filme, die wir bestellt hatten, mit dem Hinweis auf dieses Gesetz abgesagt (‚Tod eines Handlungsreisenden", „Mein Freund Harvey’).
Dies waren aber Filme, die bereits als Ersatz bestellt worden waren, für solche, die wir aus dem gleichen oder anderen Grund nicht bekommen konnten, sodaß nun das dritte Mal Bestellungen herausgehen mußten.
Allerdings war unsere Auswahl an guten und passenden Filmen jetzt sehr klein geworden, ja wir bekamen die nötige Anzahl nur damit zusammen, daß wir für einen Film bei Verleiher und Produzent um eine Ausnahmegenehmigung nachsuchten, weil er für die Aufführung in Filmclubs noch nicht freigegeben ist. Wenn wir also in der Programmauswahl uns hauptsächlich auf die letzten Jahre beschränken mußten, so ist das zwar bedauerlich, aber es sind doch außer deutschen Heimatfilmen — besonders wertvoll — auch andere wirklich wertvolle Filme gedreht worden.

Unser Programm in diesem Semester steht unter dem Motto „Film und Theater"; wir wollen versuchen Ihnen zu zeigen, wie der Film Theaterstoffe für sich nutzbar macht, Dabei gibt es von der reinen Abfilmung einer Bühnenaufführung bis zur völligen Umarbeitung zahllose Möglichkeiten. Abfilmung eines Bühnenstückes ist der Film ‚ Wilhelm Tell, er zeigt uns eine Aufführung des Wiener Burgtheaters. Am anderen Ende der Reihe steht dann die „Legion der Hölle", in dem der vollständig umgearbeitete „Macbeth" mit den Mitteln des modernen Kriminalfilms wiedergegeben wird. Zwischen diesen beiden Extremen liegen die anderen Filme unseres Programms, wobei der Schwerpunkt auf Filmen liegt, in denen die Theatervorlage zwar für den Film umgearbeitet, aber doch im Großen und Ganzen erhalten wurde. Zu diesen Beispielen gehören „Die Glasmenagerie", mit der wir unser Programm begannen, „Romeo und Julia", in welchem die Darsteller Sheakespearesche Verse (in der deutschen Übersetzung) sprechen, für den Film im allgemeinen ein schwieriges Unterfangen, aber hier ein gelungener Versuch, weiter "Die schmutzigen Hände" und „Des Teufels General”. Außerdem gehört dazu der 1926 von Murnau gedrehte „Faust“, den wir ebenfalls in einer wider Erwarten außerordentlich gut besuchten Vorstellung bereits gezeigt haben. Dieser Film ist auch als historisches Dokument sehr wertvoll. Es ist interessant, daß es Murnau schon in den Anfängen des künstlerischen Films gelungen ist, einen, noch dazu recht schwierigen, Theaterstoff untere Ausnutzung aller damals zur Verfügung stehenden Möglichkeiten in den Film zu transportieren.

Etwas außerhalb dieser Reihe stehen die beiden Filme „Das Medium" und „Der letzte Tanz von Romeo und Julia”, sie gehören aber doch mit in das Thema da auch sie etwas zeigen, das man nur auf der Bühne zu sehen gewohnt ist: Oper und Ballett. ln etwa gehört der russische „Romeo und Julia"-Film auch an die Seite des oben erwähnten Films „Legion der Hölle”. Das Shakespearesche Drama wurde als Vorlage für ein Ballett genommen, zu dem Prokofieff die Musik schrieb. Der Vergleich mit dem anderen „Romeo und Julia"-Film dürfte sehr reizvoll sein. Einige unserer treuen Besucher werden erstaunt sein, "Das Medium", welches bereits im vorigen Semester gelaufen ist, schon wieder auf dem Programm zu finden. Dazu ist zu sagen, daß zwar der Erfolg dieser Vorstellung sehr groß, der Besuch aber infolge der damaligen Hitzeperiode außerordentlich gering war. Außerdem ist dieser Film der erste wesentliche und, wie wir glauben, hervorragend gelungene Versuch die künstlerischen Möglichkeiten der Oper und des Films zu verbinden. Wir wollen daher noch einmal Gelegenheit geben den Film zu sehen, vielleicht sieht ihn sich der eine oder andere auch gern ein zweites Mal an.

Wir haben auch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß es uns trotz der Mißerfolge unserer bisherigen Anfragen gelingt, unsere Filmvorführungen durch Vorträge zu ergänzen, in denen die Probleme des Themas ‚Film und Theater’ erörtert werden. Wir bitten Sie, auf entsprechende Plakate und Hinweise zu achten.

Die Problematik der Verfilmung von Theaterstoffen liegt wohl vor allem in der verschiedenen Wirkungs- und Ausdrucksweise von Theater und Film. Liegt beim Theater das Hauptgewicht auf dem gesprochenen Wort, so steht beim Film das Bild im Vordergrund. Damit ist natürlich auch gegeben, daß der Text und nicht die Handlung das Wesentliche des Theaterstückes ist. Hinzu kommt der persönliche Kontakt des Zuschauers mit dem Schauspieler, das Hineingenommensein in den gleichen Raum.
Dadurch wird die Phantasie des Zuschauers wesentlich mehr angeregt, so daß er über gemalte Kulissen und langes Gleichbleiben der Szenerie hinweg sieht, ja daß ihm das gar nicht auffällt. Der Film hingegen vermag den Zuschauer nicht mit hinein zu nehmen in den dargebotenen Raum, das Publikum schaut von außen dem Geschehen zu. Daraus ergibt sich aber eine wesentlich lockerere Bindung, die Phantasie des Zuschauers kann nicht in dem Maße mit zur Hilfe genommen werden, sondern der Film muß vielmehr jede kleine Einzelheit vollkommen naturgetreu zeigen. So waren zum Beispiel in dem Film „Die Glasmenagerie” die Glastierchen in Großaufnahme zu sehen, was auf der Bühne nicht möglich ist. Sie wurden herausgenommen aus jenen Zwischenbereichen, die von der Phantasie des Zuschauers ausgefüllt werden müssen. Die Symbole auf der Leinwand sind, weil sie deutlich sichtbar werden, weniger eindringlich, und die eigentliche Substanz des Stückes mit allem, was zwar nicht ausgesprochen wird, aber doch im Raum steht, ist stärker als die des Films.

Man sieht also, es besteht die Schwierigkeit, das vom Wortgetragene Geschehen in das vom Bild getragene zu übersetzen, doch so, daß die vom Dichter dem Wort gegebene Bedeutung nicht verloren geht.
Die Wege, die eingeschlagen wurden, diese Schwierigkeit zu überwinden und ihre Erfolge sollen die von uns vorgeführten Filme zeigen.

Was tut sich sonst?

Die Eingangs erwähnten Schwierigkeiten haben Zeit und Nerven der „Aktiven” über Gebühr beansprucht . . . Trotzdem läuft die Produktion wieder auf Touren, allerdings immer noch mit den alten Projekten. Unsere große Sorge ist und bleibt die allzu geringe Zahl der aktiven Mitarbeiter. Wir sind zwar nicht besonders optimistisch, hoffen ober doch, daß wir in diesem Semester einige weitere Interessenten bei uns begrüßen können. Interessant ist sie ja, unsere Arbeit, und je mehr Leute sich in sie teilen, desto weniger entfällt auf den einzelnen.