Panzerkreuzer Potemkin

Mittwoch, 29.11.1961 20:30  ! Köhlersaal
20:30
Panzerkreuzer Potemkin

Programmheft WS 1961/1962:

Das „Berliner Tagblatt" schrieb am Tage der deutschen Erstaufführung: „Zum ersten Male ist ein Film erschienen, der nicht nur begrenzten, sondern dauernden Wert hat. Dies sind keine Bilder — das ist die Wirklichkeit selbst. Eisenstein hat den kraftvollsten und künstlerischsten Film der ganzen Welt geschaffen." — In Berlin lief der Film gleichzeitig in 90 Lichtspielhäusern. Er wurde verboten, zensiert, beschnitten, freigegeben, bejubelt und als „der beste Film des Jahres" erklärt. Ernst Lubitsch ernannte ihn zu „dem besten Film, der je gemacht worden ist", und Chaplin hielt ihn für „den besten Film der Welt".

„Das nach Nummern eingeteilte Szenarium bringt der Kinematographie genau soviel Wiederbelebung wie die Nummern, die den Leichen der Ertrunkenen im Schauhaus von den Beinen baumeln. —
So schrieb ich, als die Hauptschlacht über die Streitfrage entbrannt war, in welcher Form ein Kinoszenarium geschrieben werden muß.
In der Luft hing eine tödliche Stille...
Was hat dieser Ausdruck mit der konkreten Fühlbarkeit einer optischen Erscheinung gemeinsam?
Wo ist der Haken in der Luft, an dem man die Stille aufhängen kann? Unterdessen ist dieser Satz, richtiger das Bestreben, diesen Satz auf der Leinwand zu verkörpern, gerade das, was für die Filmverstärkung das Wichtigste ist. Er trägt die Ausdrucksladung‚ die im Bildlichen explodieren kann. Dieser Satz stammt aus den Erinnerungen eines der Teilnehmer vom Aufstand des Panzerkreuzers Potemkin. Er hat die ganze Auffassung der tödlich wirkenden Pause bestimmt, wenn über der schwankenden Fläche des Segels, das die Todeskandidaten bedeckt, die zitternden Gewehrläufe der Kameraden, die ihre Brüder erschießen sollen, sich emporrichten.
Das Szenarium stellt emotionelle Forderungen. Ihre sichtbare Lösung ist Aufgabe des Regisseurs. Der Verfasser des Szenariums hat das Recht, seine eigene Sprache zu sprechen. Denn je deutlicher er seine Absicht ausdrückt, desto vollendeter wird ihre Deutlichkeit. Und damit auch desto szenisch wirksamer im literarischen Sinne.
Und das ergibt das Material für die richtige Lösung des Regisseurs. Das packt nämlich auch den Regisseur. Das wird ihm zum Sporn des schöpferischen Aufschwungs bis zur gleichen Höhe der Expression durch die Mittel seines Bereichs, seines Berufs, seiner besonderen Kunst.
Es ist deshalb wichtig, daß einer dem anderen die Stufung des Druckes oder Ausbruchs, die packen müssen, klarmachen kann. Um diesen Ausbruch des Gefühls dreht sich alles.
Der Verfasser sagt: Tödliche Stille.
Der Regisseur: Unbewegliche, große Flächen; das dunkle Teil des Panzerkreuzers schwankt leise. Die Kriegsflagge flattert. Vielleicht springt noch ein Delphin aus den Wellen, vielleicht streicht eine Möve niedrig Über die Wasserfläche.
Der Zuschauer aber hat ein und dasselbe emotionelle Würgen im Halse, ein und dieselbe Erregung, die ihm in die Kehle steigt, so wie sie den Verfasser der Erinnerungen an seinem Schreibtisch ergriffen hat, oder den Regisseur an seinem Montagetisch oder unter den Strahlen der Sonne während der Aufnahme."

(S. M. Eisenstein)

Info
Bronenosets Potyomkin
UdSSR 1925, 75 min
R Sergei M. Eisenstein
B Nina Agadzhanova
K Vladimir Popov, Eduard Tisse
M Edmund Meisel
D Aleksandr Antonov, Vladimir Barsky, Grigori Aleksandrov, Ivan Bobrov, Mikhail Gomorov, Aleksandr Levshin, Beatrice Vitoldi