Ulica Graniczna

Die Grenzstraße

Programmheft WS 1958/1959:

Die Grenzstraße (Regie: Alexander Ford, 1949) will in den Erlebnissen einzelner Familien das Schicksal des ganzen polnischen Volkes im letzten Weltkrieg zeigen. Wir haben nicht zuletzt den Film deshalb ausgewählt, um unseren Mitgliedern und Freunden einmal die Möglichkeit zu geben, einen polnischen Nachkriegsfilm zu sehen, der in Deutschland bisher gut beurteilt worden ist. Lassen Sie uns an Stelle einer Kritik Ihnen eine kurze Inhaltsangabe des Filmes geben, die zum Verständnis desselben unerläßlich ist, da er uns leider nur im Originaltext zugänglich ist.

Der Film spielt in der Zeit der Besetzung Polens durch die deutschen Truppen. In seinem Hauptteil wird der Widerstand der im Ghetto eingeschlossenen Juden gezeigt. Am 20. April 1943 wollte man dem „Führer als Geburtstagsgeschenk” die Meldung auf den Tisch legen, daß die letzten 150 000 Juden liquidiert seien. Dieser Plan scheiterte jedoch an dem heldenhaften Widerstand der eingeschlossenen Familien, die lieber im Kampfe sterben wollten, als sich freiwillig zur Schlachtbank führen zu: lassen. Es war eigentlich zuerst nur ein Akt der Notwehr, aber als die Verteidiger des Ghettos Unterstützung durch Widerstandskämpfer von außerhalb erhielten, wurde daraus ein Aufstand gegen die verhaßten Unterdrücker.

Im Mittelpunkt dieses Filmes stehen — und das veranlaßte uns letztlich zur Auswahl desselben — das Schicksal und die Leiden der Kinder. Demgemäß spielen auch Kinder die Hauptrolle.

Da ist zunächst der Droschkenkutscher mit seinem Sohn Bronek. Er, der einfache ungebildete Mensch, hilft ganz selbstverständlich der jüdischen Familie Liebermann. Sein Sohn Bronek ist es auch, der in der Unterrichtsstunde — hinter verschlossenen Türen — vorschlägt, eines der zahllosen Kampflieder der Widerstandsbewegung zu singen.
Das Haupt der Familie Liebermann ist der alte Großvater, ein armer Schneider, dem alle gehorchen. Er selbst, ein strenggläubiger Jude, hält jeden Widerstand für zwecklos, ergibt sich, treu bis zum Ende an den guten Willen seines Gottes glaubend, in sein Schicksal und verbrennt in den Flammen der zusammensinkenden Stadt.

Die Jugend jedoch will kämpfen. Nathan, der Schwiegersohn, wird der Führer der jüdischen Kampforganisation. Auch der kleine Dawidek will die gemeinsame Sache unterstützen und leistet Heldenhaftes im Herbeischaffen von Handgranaten, als Verbindungsmann zu den Widerstandsgruppen außerhalb des Ghettos und als Beschützer der kleinen Jadzia, der Tochter des angesehenen polnischen Arztes Bialek, der das Unglück hat, daß man bei ihm das Bild seines Großvaters entdeckt, das diesen unbestreitbar als Juden darstellt. Der Volksdeutsche Kusmirek hatte dieses Familiengeheimnis ausspioniert und er, der nach Hitlers Anfangserfolgen schnell eine „deutsche Großmutter” entdeckt und sich dadurch zum „Volksdeutschen” gemacht hatte, erpreßt seinen Wohltäter, den Arzt, und bringt ihn ins Ghetto. Übrigens, nicht aus weltanschaulichen Gründen, sondern, wie er selbst naiv sagt: „Sie werden verstehen, Herr Doktor, meine Wanda braucht eine große Wohnung, da ziehen Sie eben ins Ghetto, und ich ziehe hier ein.” Er verkörpert den Typ des „guten” Deutschen im Ausland, der eigentlich immer „dagegen” war und damit mitschuldig wurde an der falschen Auffassung der Menschen im Osten, daß das Wort „Volksdeutscher” gleichzusetzen sei dem Wort Verräter. Jadzia, der Tochter des Arztes, glückte es unter großen Gefahren ins Ghetto zu gelangen, doch findet sie ihren Vater nur noch auf dem Totenbett.
Schließlich spielen noch der polnische Offizier Wojtan und sein Sohn Wladek eine Hauptrolle. Wojtan, der dem Krieg, der Gefangenschaft und den Nachforschungen der SS glücklich entronnen und nach Warschau zurückgekehrt ist, wo er sich den Widerstandskämpfern anschließt, verliert sein Leben durch einen Zufall. Er gerät bei einer der täglichen Razzien in die Hände der SS, die auf der Suche nach dem geforderten hundert Geiseln ist, und wird niedergeknallt. Seinen Sohn, der dem Rassenwahn der fremden Machthaber verfallen ist und sogar seiner Altersgenossin Jadzia die Freundschaft aufkündigen will, seit er weiß, daß auch sie eine Jüdin ist, belehrt er bei der letzten Begegnung über die Unsinnigkeit dieser Einstellung zu seinen Mitmenschen.

Wir hoffen, daß lhnen diese wenigen Zeilen zum Verständnis des Filmes genügen werden. Machen Sie mit uns den Versuch, sich mit der Thematik und der Form dieses Streifens auseinanderzusetzen und bilden Sie sich dann im gemeinsamen Gespräch ihr Urteil.

Für diesen Film beträgt der Unkostenbeitrag DM -‚30

Info
Ulica Graniczna 1949, 115 min
R Aleksander Ford
B Jan Fethke, Aleksander Ford, Ludwik Starski
K Jaroslav Tuzar
M Roman Palester