Chicago Calling

Fernruf aus Chicago

Programmheft SoSe 1962:

Von einer amerikanischen Aneignung des italienischen Neorealismus ist viel geredet worden. In fast allen Fällen handelt es sich indessen nur darum, „die Landschaft der großen Städte und des ungeschminkten Gesichts”, die die Italiener wiederentdeckt hatten, dem konventionellen Spielfilm — meist kriminaIistischer Prägung — dienstbar zu machen. Nur sehr wenige Filme haben sich wie dieser auch die Dramaturgie der Italiener zu eigen gemacht. „Chicago Calling” hält sich an Zavattini, den Autor und Programmatiker des Neorealismus: „Grabt, und jede kleine Tatsache wird sich als eine Mine erweisen!” Hier erwartet ein Mann ein Telefongespräch, das für ihn von entscheidender Bedeutung ist; weil er aber die Rechnung nicht bezahlen konnte, ist ihm der Apparat gesperrt worden. Seine Bemühungen, den Apparat wieder frei zu bekommen oder Geld zu beschaffen, um die Rechnung zu bezahlen, füllen den Film. Minutiös zeichnet er die Fehlschläge und die kleinen Beweise schlichter Solidarität auf. Es wird deutlich, wie Investitionen und institutionalisiertes Verhalten versagen und sich nur in einer vorschriftswidrigen Spontaneität noch Menschlichkeit verwirklicht.

Das Vorbild der „Fahrraddiebe" ist unverkennbar. Im Gegensatz zu de Sica vermeidet John Reinhardt aber nicht den dramaturgischen und bildkompositorischen Effekt; die bewußte Ausnutzung der Straßenfluchten, Bauplätze, Schienenanlagen und Treppen von Los Angeles verrät die Schule des „Klassischen" Gangsterfilms der Dreißigerjahre.

(Filmkritik)

Info
Chicago Calling Vereinigte Staaten 1952, 75 min
R John Reinhardt
B John Reinhardt, Peter Berneis
K Robert De Grasse
M Heinz Roemheld
D Dan Duryea, Mary Anderson, Gordon Gebert, Ross Elliott, Melinda Plowman, Judy Brubaker, Marcia Mae Jones, Marsha Jones, Roy Engel
Vorstellungen