L'Eau à la bouche

Die Katze läßt das Mausen nicht

Programmheft WS 1964/1965:

Die Besitzerin eines Schlosses in Südfrankreich ist gestorben. Zur Testamentseröffnung treffen sich die Erben: die Cousinen Milèna und Serafine (genannt Fifine) und der Bruder der letzteren Jean-Paul. Er taucht jedoch erst am Schluß auf, statt dessen kommt sein Freund und Geschäftspartner Robert, der mit Fifine befreundet ist und sie begleitet hat. Milèna kennt ihren Vetter nicht, und so hält sie Robert für Jean-Paul. Aus Angst ihre Zuneigung zu verlieren, läßt sie Robert in diesem Glauben, denn er hat sich vom ersten Augenblick an in sie verliebt. Fifine, von ihm vernachlässigt, läßt sich inzwischen mit dem jungen Notar und Testamentsvollstrecker ein.

Als schließlich der Betrug durch ein neugieriges Dienstmädchen entdeckt wird, fühlt sich Milèna in ihrer Liebe zu Robert verraten, und als endlich Milèans wirklicher Vetter erscheint, ist Fifine verschwunden, da sie erkennen muß, daß die Zuneigung zwischen Robert und Milèna kein Liebesspiel ist. Aus Sorge, Fifine werde sich etwas antun, beginnt eine überstürzte Suche in den verzweigten Gängen des Schlosses.

»Dieses Barockschloß ist der eigentliche >Star< des Films. Seine Gänge und Korridore sind mit erotischen Szenen vollgemalt, die exakt denen gleichen, die Pierre Kast, Doniols Freund, in seinem ersten Kurzfilm, >Les charmes de l’existence<‚ ironisierte. Allegorische Marmorgruppen gehören demselben >Stil< an. Es gibt ein ‚Chinesisches' und ein >Borgia-Zimmer<‚ von denen das erste freilich ebenso dazu tendiert, Mordgelüste im Betrachter zu erwecken wie das letzte. Ein Pavillon mit Graben gibt Gelegenheit zu nächtlichen Bädern und heimlichen Rendezvous. Die Dächer mit ihrer bizarren Landschaft aus Zinnplatten, Feuerleitern und Schornsteinen sind ein idealer Platz zum Versteckspielen. Über all diese Gänge und Treppen durch das Schloß und drum herum, läßt Doniol seine verliebten Figuren einander verfolgen, voreinander flüchten — in einem zum tänzerischen Ballett stilisierten Reigenspiel. Die Kamera tanzt mit, sie läßt sich von den >tanzenden< Darstellern nicht nur mitziehen und vorausschleudern‚ sie tanzt noch weiter, als diese zur Ruhe kommen. Doniols Kamerakunst kulminiert in der Sequenz, die den abendlichen Liebesreigen krönt und beschließt: Die Kamera gleitet in einzelnen Fahrtaufnahmen um die Betten der Liebenden herum, dann nimmt eine rasche Fahrt um das ganze Schloß herum die Bewegung auf — die Kamera ist aufwärts gerichtet auf die Zinnen des Schlosses; ihre Bewegung ist so glatt und schnell, daß nicht sie sich zu bewegen, sondern das Schloß selbst sich zu drehen scheint, ein Eindruck, den die Musik von Serge Gainsbourg noch unterstreicht.«

Info
L'Eau à la bouche Frankreich 1960, 95 min
R Jacques Doniol-Valcroze
D Françoise Brion, Bernadette Lafont, Alexandra Stewart, Michel Galabru