Ewa chce spac

Eva will schlafen

Programmheft WS 1966/1967:

Eva ist eine angehende Studentin mit großen, naiven dunklen Rehaugen, die zur Abendstunde in einer winkligen, unheimlich verträumten Kreisstadt eintrifft, in der am nächsten Tag das Technikum, welches sie besuchen will, seine Pforten zu öffnen gedenkt. Eva will schlafen (was sich als nahezu unmöglich herausstellt). Nicht daß sie einen besonders müden Eindruck machte, aber ein so süßes, unschuldiges Geschöpf, in dessen Köpfchen sich noch kein Arg eingenistet hat, geht zu Bett, wenn der Mond aufgeht. Der Mond, der zuvor auf der Leinwand erschienen ist, ist ein kreisrunder, bleich gemalter Kulissenmond, der über kahlen, gemalten Hügeln steht, zwischen denen das idyllische Städtchen eingebettet liegt, und über die die Kamera auf den Kirchturm zufährt, auf dem die Uhr fehlt: Diebe haben sich ihrer bemächtigt. Und die Stimme des Balladensängers warnt vor diesem Ort, in dem die Polizisten sanfte Trottel sind und Ganoven ihre eigene Akademie besitzen; so wird der Betrachter also darauf vorbereitet, daß er das Folgende nicht partout für bare Münze zu nehmen habe.

Von naivem Charme ist die Liebesgeschichte etwa, die sich zwischen Eva und dem Polizisten Piotr entwickelt, und die darin gipfelt, daß Eva schließlich doch noch ein Nickerchen ergattert, im Morgenlicht der Frühlingssonne auf einer Gartenbank, bewacht von ihrem Verehrer. Oder die Szene, in der ein Polizist, der zwei Einbrecher ertappt, zu seinem Gummiknüppel greift, jedoch diesen als Flöte an den Mund setzt, mit deren betörender Musik er die Halunken hinter sich her aufs Revier lotst.
Dabei ist die Thematik, die uns in dieser Komödie begegnet, dieselbe wie in den düsteren polnischen Dokumentarfilmen der sogenannten „Schwarzen Serie“ oder im „Achten Wochentag“ von Aleksander Ford nach Marek Hlasko: Wohnungselend, Alkoholismus, Prostitution, Kriminalität, heuchlerische Sexualmoral. Und ein Hauptteil der Angriffe richtet sich gegen die Polizei. Als eine Inspektion bevorsteht, borgt sich ein Polizeirevier einen Gefangenen von einem anderen aus, während es tatsächlich in der Stadt von Kriminellen wimmelt.
Darin liegt der Witz dieses Films: dadurch daß er die Geschehnisse mittels Slapstick, Burleske, Sentiment, Farce, Stummfilm-Atmosphäre in die Irrealität des idyllischen, ja Märchenhaften taucht, dementiert er mitnichten den grundsätzlichen Wirklichkeitscharakter dieser Geschehnisse; was als irreal eingestanden wird, sind lediglich die stilisierenden poetischen Mittel als solche.

aus Filmkritik 5/63

Info
Ewa chce spac Polen 1958, 95 min
R Tadeusz Chmielewski
B Tadeusz Chmielewski, Andrzej Czekalski
D Leonard Pietraszak, Barbara Lass, Stanisław Mikulski, Zdzisław Kuźniar, Stanisław Milski, Maria Kaniewska, Ludwik Benoit, Gustaw Lutkiewicz, Bronisław Pawlik, Jarema Stepowski