Il bidone

Die Schwindler

Programmheft WS 1966/1967:

Fellini hat berichtet, wie in ihm der Plan zu „Il Bidone” entstand. Zur Zeit der Arbeit an „La Strada“ habe sich in einem Gasthaus während der Mahlzeit ein Fremder zu ihm, Fellini, gesellt und ihm seine Lebensgeschichte erzählt. Der Unglückliche - er bezeichnet sich selbst so — lebt seit Jahren davon, daß er auf dem Lande minderwertige Stoffe als erstklassige Qualität abstößt. Fellini habe sich dabei seiner alten Bekanntschaft mit römischen Bidonisten erinnert, und während der Fremde erzählte, habe sich für Fellini immer zwingender eine spezifische Sicht aufgetan: die erbarmungslose Wüste der Landstraße verschmolz mit dem Bidonistenschicksal eines Moraldo zur Welt von „Il Bidone“ („Il Bidone” aus der römischen Ganovensprache, bezeichnet sowohl den Betrüger als auch die kriminelle Handlung, die er ausführt.). Fellini schildert die Karriere dreier Bidonisten. Augusto ist achtundvierzig, Roberto und der erfolglose Maler, der auf den Spitznamen Picasso hört, sind Ende zwanzig. Für die beiden Jungen bedeuten die Betrügereien noch einen Heidenspaß. Augusto ist an dem Punkt, da (wie bei Max-Gabin und Jacques Beckers „Touchez pas au Grisbi“) das Altern zum Problem des Gangsters wird. Er wird fahrig, weil er, der „den Eskimos ihr eigenes Eis verkaufen könnte“, sich immer noch mit Lappalien abgeben und mit solchen Kindsköpfen wie Picasso und Roberto arbeiten muß. Der eine hat nur seine Malerei im Kopf, den anderen halten an allen Ecken die Frauen auf. Augustos Schwindeleien sind gut genug, ihnen je für ein, zwei Monate ein Dasein in Muße und Wohlstand zu ermöglichen. Als römische Priester verkleidet fahren sie auf einsame Höfe, auf deren Feldern sie tags zuvor ein Gerippe und eine Schatzkiste vergraben haben, und erzählen den gutgläubigen Bauern, der Mörder des Toten habe in der Beichte gebeten, den von ihm Ermordeten kirchlich zu bestatten. Der Schatz, im Werte von rund sechs Millionen Lire, solle den Bauern verbleiben, so diese für die Seele des Mörders fünfhundert Messen zu tausend Lire lesen ließen. Unter Hinterlassung des unechten Geschmeides begeben sich die drei mit 500 000 Lire zurück nach Rom.
Alles also, was sich im Film an „Bidoni“ ereignet, ist authentisch. In den Dialogen hat Pinelli Zitate aus Gesprächen mit Bidonisten eingebaut. So stammt etwa das, was Picasso in der nächtlichen Treppen-Szene von Augusto an Bidonisten-Philosophie zu hören bekommt, nahezu wörtlich aus dem Munde desjenigen Bidonisten, der Fellini für eben den Augusto Modell gestanden hat.

aus Filmkritik 10/57

Info
Il bidone Frankreich / Italien 1955, 92 min
R Federico Fellini
D Broderick Crawford, Giulietta Masina, Franco Fabrizi, Richard Basehart, Xenia Valderi, Alberto de Amisis, Lorella De Luca, Giacomo Gabrielli