Asche und Diamant

Mittwoch, 07.12.1966 21:00  ! Köhlersaal
21:00
Asche und Diamant

Programmheft WS 1966/1967:

Man muß sich klarmachen, wenn man Wajdas Film recht verstehen will, daß der zweite Weltkrieg im Bewußtsein vieler Polen nie einen definitiven Abschluß gefunden hat. Die Deutschen wurden zwar aus dem Lande vertrieben, aber die Rote Armee rückte nach. Der Partisanenkampf gegen die Wehrmacht endete, und der heimliche Bürgerkrieg zwischen Nationalisten, Kommunisten und Katholiken begann. Jahrelang nach der Befreiung von den Deutschen kämpften in einigen Gegenden des Landes noch kleine bewaffnete Gruppen verschiedener Richtungen gegeneinander, wobei sich die ursprünglich politischen Interessen mit der Zeit in rein kriminelle verwandelten. Aus Partisanen wurden Banditen. Hinzu kam, daß die kommunistische Machtergreifung mit ihren Pressionen an sich schon bei weiten Teilen der Bevölkerung das Bewußtsein des Ausnahmezustandes in die „Friedenszeit” hinein verlängerte. Der 8. Mai 1945 blieb nur ein Datum; „das wahre Ende des Krieges“ (ein bekannter polnischer Titel) kam viel später und vor allem unmerklich, erst mit der Stabilisierung der neuen Verhältnisse und ihrer resignierenden Anerkennung.

Dennoch wählte Wajda gerade den Tag der deutschen Kapitulation als Zeitpunkt für seinen Film und definierte damit das dramaturgische Grundprinzip seines Werkes als tragische Ironie. Es bleibt in allen Einzelheiten seinen ganzen Film hindurch bestimmend.

Der Film beginnt mit einem mißglückten Attentat auf einen kommunistischen Parteisekretär namens Szczuka, der aus russischem Exil zurückgekehrt ist, um die Partei wieder aufzubauen. Die Anwesenheit dieses Parteisekretärs paßt begreiflicherweise nicht in das Konzept einer nationalischen Partisanengruppe, die von einem früheren Major der polnischen Armee aus dem Hintergrund dirigiert wird. Der Mordanschlag muß auf Befehl dieses Majors wiederholt werden; auszuführen hat ihn Maciek, die Hauptfigur des Films. Wajda hat in ihm den Repräsentanten der verlorenen polnischen Generation geschaffen, die von der Schulbank in den Untergrund ging und die im Kampf nur vage Anhaltspunkte fand, wofür, eigentlich nur, wogegen sie einstand. Zbigniew Cybulski ist ein idealer Darsteller dieser Generation, die eher lernen mußte zu sterben, als zu leben: Auf der Bartheke in einer Kneipe stehen Wodkagläser. Maciek hält, eins nach dem anderem, ein Streichholz daran. Die Flammen brennen für Hanezka, für Wilga, Kossobutzki, Rudy, Kajtek . . . Aber wir leben! „Die Frage, warum und wofür steht im Raum. Man weiß, Sterben ist keine Kunst, doch das Selbstverständnis findet nicht weiter und kann sich nur auf den Satz zurückziehen: „Kommt darauf an, wie.“

Wajdas Film ist pathetisch und ironisch. Realismus geht in Symbolik über und umgekehrt. Ein politisches Drama, ein Reißer, eine Liebesgeschichte, ein Requiem — und wenn man es zusammenfaßt: ein Film, der seine Form aus der Spannung zwischen dem Unvereinbaren gewinnt. Die Gegensätze prallen aufeinander. Man mag sich zuweilen fragen, ob der Regisseur nicht zu weit geht, so wenn Maciek an den Särgen der. irrtümlich erschossenen, Arbeiter für Krystyna einen Schuh zurechtnagelt‚ oder angeschossen durch einen Garten mit frischgewaschener Wäsche stolpert und die Bettücher mit seinem Blut rotfärbt. Wajda ist nicht geschmackvoll. Er ist besessen von den Antagonismen seiner Geschichte. Er sieht keinen Ausweg — in keinem seiner Filme, die wir kennen. In „Kanal“ sterben die Widerstandskämpfer des Warschauer Aufstandes ohne Hoffnung in den Kloaken der Stadt. In „Lotna” erzählt er vom Todeskampf eines Kavallerieregiements‚ das 1939 mit blanken Säbeln gegen die deutschen Panzer anzureiten versuchte. In „Samson“, seinem jüngsten Werk, berichtet er von einem Juden, der während der Besatzungszeit zuerst versucht, sich seinem sicheren Tode zu entziehen und am Ende nur noch wünscht, ihn sich durch einen Angriff auf seine Feinde zu verdienen.
Doch auch er, wenn er stirbt, bleibt letztlich nur ein Opfer, zum Täter wird er nicht. Der Pessimismus ist das Grundelement aller Wajdaschen Filme. Man sollte freilich nicht meinen, hier nur einer persönlichen Obsession zu begegnen. In einem Fernsehinterview befragt, warum alle seine Helden in ausweglosen Situationen stehen, antwortete Wajda: „Ich bin ein polnischer Regisseur.“

Aus Filmkritik 11/61

Info
Popiól i diament
Polen 1958, 103 min
R Andrzej Wajda
K Jerzy Wójcik
M Filip Nowak
D Zbigniew Cybulski, Ewa Krzyżewska, Waclaw Zastrzezynski, Adam Pawlikowski, Bogumił Kobiela, Halina Kwiatkowska, Barbara Krafftówna, Stanisław Milski