Die rote Wüste

Mittwoch, 30.04.1969 21:00  ! Köhlersaal
21:00
Die rote Wüste

Programmheft SoSe 1969:

„Dennoch wird man nach ,L'Eclisse‘ mehr noch als nach jedem anderen Film dieses Regisseurs auf sein nächstes Werk gespannt sein müssen. Dort wird sich entscheiden, ob die bedeutendste Potenz des italienischen Films den Weg zu neuen Ufern findet.“ So schloß Günter Rohrbach die Besprechung des letzten Antonioni-Films (Fk 11/62). Nun ist dieses nächste Werk bekannt und mit ihm eine Entscheidung gefallen: so konsequent hat Antonioni seine bisherigen Filme fortgesetzt, daß er mit ihnen gebrochen hat. Neue Regionen aber sind sichtbar geworden nur als unbekannte.
„Deserto rosso“ ist eine Grenzüberschreitung.

Die äußere Handlung selber ist einfach: Die nach einem Autounfall hochgradig neurotische Frau eines Ingenieurs leidet fortan unter dauernden Angstzuständen und gibt sich im Augenblick der Krisis einem anderen Mann hin.

Die Grenzüberschreitung geschieht durch die Art der Farbigkeit, die an diesem Film zugleich das subjektivste Moment ist und das am wirksamsten objektivierende. Sie ist unnatürlich, das hat man Antonioni vorgehalten. Eine ganze Straße ließ er grau streichen, Wiesen wurden abgebrannt Gebüsch hat man geteert. Es entstand eine neutralisierende Farbigkeit, flächig, aufgetragen, indifferent als Oberfläche, vom Objekt als Stofflichem kaum beeinflußt, ohne Lichtreflexe, pure Farbe. Gerade dieses „Angestrichene“ bezeichnet den Tatbestand; denn welche natürliche, welche selbstverständliche Farbe sollte Dingen entsprechen, die das völlige Gegenteil des Natürlichen und Selbstverständlichen sind, und mit denen man sich betrügt, wenn man sie dafür nimmt. Hier hat jede Farbe etwas von einer Entscheidung. Grautöne dominieren im ganzen Film, dagegen stehen, in großen Flächen die Grundfarben, rot, blau, seltener gelb. Auch Beschönigung hat man gerügt: so sähe kein Industriegebiet aus. Aber gerade hier ist doch Antonionis Film, im Dramaturgischen verstrickt in Widersprüche und geschwundene Möglichkeiten,erstaunlich überlegen und befreit‚ nüchtern, gelassen. Und souverän bewußt. Die geschilderte Gesellschaftsszene erhält, indem sie bezogen ist auf Rot und Grau, andere Aspekte.

„Deserto rosso“ ist ein bewundernswert aufrichtiger Film. Es wäre für Antonioni wohl viel einfacher gewesen, seine Sensibilität des Beobachtens an einem anderen Aspekt persönlicher Wirklichkeit aufs neue zu erweisen, und sicher hätte solch ein Film die geruhsame Bewunderung mancher gefunden, die „Deserto rosso“ ungehalten von sich schieben, nur weil es ein mißlungener Film ist. Antonioni hat gewagt, einen Film zu machen, der fast nicht zu machen ist.
„Deserto rosso“ ist Antonionis Film vor „BIow up“ — einem Film, der überhaupt nicht zu machen war.

nach Filmkritik 1/65

Info
Il deserto rosso
Italien 1964, 120 min
R Michelangelo Antonioni
B Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra
D Monica Vitti, Richard Harris, Carlo Chionetti, Xenia Valderi, Rita Renoir, Lili Rheims, Aldo Grotti