Das Kabinett des Dr. Caligari

Donnerstag, 22.11.1956 20:00  ! Köhlersaal
20:00
Das Kabinett des Dr. Caligari

Programmheft WS 1960/1961:

Dieser wohl immer noch bedeutendste Beitrag Deutschlands zur Filmgeschichte wurde in Brüssel als einer der zwölf besten Filme aller Zeiten ausgezeichnet. Er ist nicht nur der Prototyp, sondern auch das unvergeßliche Ideal des expressionistischen Films.
Der Expressionismus, eine um 1910 in München als Reaktion gegen den Naturalismus und die „atomische Verstückelung des Impressionismus" gegründete Avantgardebewegung, forderte, man müsse die „expressivste Expression" eines Objekts bloßlegen. Béla Balazs interpretiert diese etwas dunklen Forderungen in seinem Buch „Der sichtbare Mensch": Man kann ein Objekt stilisieren, in dem man seine „Iatente Physignomie" heraushebt und besonders akzentuiert. In dieser Weise kann man seine sichtbare Aura durchdringen. Die beiden jungen Drehbuchautoren, der Österreicher Carl Mayer und der Tscheche Hans Janowitz, vereinten in ihrem Manuskript ihre persönlichen Erinnerungen. Carl Mayer, vielleicht die stärkste Persönlichkeit des deutschen Stummfilms, Sohn eines durch das Spiel ruinierten Kaufmannes und nacheinander fliegender Händler, Chorsänger, Blitzzeichner und Schauspieler, hatte als Soldat die unangenehme Bekanntschaft eines Psychiaters gemacht. Janowitz, als überzeugter Pazifist aus dem Krieg zurückgekehrt, hatte eine tiefe Abneigung gegen jede absolute Gewalt.
„Unter ihren Händen wurde diese Schauergeschichte im Stil E. T. A. Hoffmanns zu einem ausgesprochen revolutionären Stoff. Beide wollten, wie Janowitz später zu verstehen gab, halb unbewußt die Allmacht einer Staatsgewalt anprangern, die durch Militärdienstpflicht und Kriegserklärungen über Leben und Tod ihrer Untertanen verfügt." (Siegfried Kracauer „Von Caligari bis HitIer")

Die Allmacht wird im Film symbolisiert durch den Direktor einer Irrenanstalt, der den Schlafwandler Cesare hypnotisiert hat. Als Dr. Caligari führt er ihn auf Jahrmärkten vor und zwingt ihn, in der Nacht entsetzliche Morde zu begehen‚ Cesare stirbt schließlich vor Erschöpfung und Caligari wird entlarvt und als Irrer interniert. Der Produzent Pommer erwarb das Manuskript nicht zuletzt, weil er sah, daß hier ein verhältnismäßig billiger Film hergestellt werden konnte. Er dachte an Fritz Lang als Regisseur, der aber noch an seiner Filmserie „Die Spinnen" arbeitete, und so wurde Dr. Robert Wiene herangezogen. Dieser gab einer Anregung von Fritz Lang folgend dem Film eine Rahmenhandlung, durch die das real gedachte Geschehen zur Phantasie eines Wahnsinnigen herabgemindert wurde — ein Eingriff, gegen den beide Autoren heftig protestierten. Aber niemand kümmerte sich darum. „So wurde ein revolutionärer Filmstoff in einen konformistischen verkehrt — in Befolgung etwa eines häufig angewandten Mittels, das darin besteht, eine geistig gesunde, aber lästige Person für geisteskrank zu erklären und ins Irrenhaus abzuschieben."

(S. Kracauer)

„Immerhin sind die eindrucksvollen Dekors für den Stil dieses Films, dem bereits Carl Mayers Kunst das Gepräge des Außerordentlichen gegeben hatte, bestimmend geworden —, und zwar weit mehr als die Regie von Robert Wienel" (L.Eisner). Hermann Warm, einer der Architekten, erklärte: „Das Filmbild muß Graphik werden." Die absolute Verzerrung, die synthetische Abstraktion des Dekors diktierte eine Stilisierung des Spiels der Darsteller, die Werner Krauß, der diabolische Dr. CaIigari‚ und Conrad Veidt in der Rolle des unheimlichen Somnambulen durch die Konzentration ihrer Physiognomie und die Verhaltenheit ihres Körperausdrucks erreichten.
„Es ist der Rhythmus, der Caligari seine Eindringlichkeit verleiht. Zuerst ist er äußerst langsam, ja geradezu mit Absicht umständlich, es wird der Versuch gemacht, die Erwartungen auf die Folter zu spannen. Dann, wenn sich das vage Getriebe des Jahrmarktes zu drehen beginnt, wird das Tempo beschwingt, die Handlung konzentriert sich, beschleunigt sich, reißt mit, das Wort ,Ende' überrascht uns wie eine Ohrfeige.”

(Louis Delluc in „Cinéa", Paris 1922)

Programmheft WS 1956/1957:

Kurz nach dem ersten Weltkrieg wurde der Expressionismus als neue Kunstgattung im Kampf gegen Naturalismus und Impressionismus große Mode. Gemeinsam mit dem Dichter K. Meyer schrieb der Tscheche H. Janowitz das Manuskript zu Caligari, Erich Pommer, der leitende Mann der Decla-Bioscop, erwarb es nicht zuletzt, weil er sah, daß hier ein verhältnismäßig billiger Film hergestellt werden konnte. Pommer dachte an F. Lang als Regisseur; dieser arbeitete aber immer noch an seiner Filmserie Die Spinnen, und so wurde Dr. R. Wiene herangezogen. Zum Entsetzen der Autoren gab dieser dem Film eine Rahmenhandlung, durch die das real gedachte Geschehen zur Phantasie eines Wahnsinnigen wurde. Für die expressionistischen Dekors brachte Janowitz den Maler und Graphiker Alfred Kubin in Vorschlag; Wiene zog aber den flächenhaften Expressionismus der Künstler Reimann, Roehrig und Warm vor. Caligari sollte der einzig gelungene Versuch bleiben, den Expressionismus in den Film einzubeziehen.

MH
Info

Deutschland 1920, 71 min
R Robert Wiene
B Hans Janowitz, Carl Mayer
K Willy Hameister
M Willy Hameister
D Werner Krauß, Conrad Veidt, Friedrich Fehér