Die Lady von Shanghai

Mittwoch, 30.05.1962 21:00  ! Köhlersaal
21:00
Die Lady von Shanghai

Programmheft WS 1965/1966:

Eine verhältnismäßig leicht durchschaubare Kriminalgeschichte gibt den Hintergrund ab, vor dem ein surrealistisches Panorama der modernen Gesellschaft und ihrer Mythen aufgebaut wird.

Das Geld, die Frau, der Erfolg, Fetische der modernen Massenkultur‚ durchbrechen selbst Liebesszenen.

Orson Welles — Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler, alles in einer Person, schuf ein spannendes Opus. Der Einfallsreichtum des Regisseurs kennt keine Grenzen. Einmalige optische Variationen, raffinierte Effekte verleihen dem Film einen schillernden Reiz und machen ihn zu einem Kunstwerk. Vor allem die formale Seite des Films und die Kunst der Darsteller weisen ihm einen Platz in der Filmkunst zu.


Programmheft SoSe 1962:

Man hat in diesem Drama einen kommerziellen Kniefall von Welles erblicken wollen. Und zwar darum, weil das Mondäne und der pure Sex-Appeal darin eine entscheidende Rolle spielen. Bevor man indessen ins moralische Clairon der Entrüstung bläst, dürfte man sagen, daß hier die unheimliche Dämonie der reinen physischen Attraktion Bild geworden ist. Der Film, der die Liebe zwischen einem Matrosen (Welles) und einer Dame von Welt (Hayworth) schildert, enthält Szenen, die der passionierte Filmfreund zu seinen Paradezitaten zählt. Die wirbelnde Glasscherbenepisode ist Gleichnis gewordene Kettenreaktion der Tricks. Das Rendezvous im Aquariumsaal betrachten wir als einzigartig. Die beiden treffen sich in der Dämmerung. Eine Passantin erblickt die Liebenden mit sichtbarer sittlicher Aufregung. Sie gleitet vorbei. Nun sind sie allein. Ihre Konturen verschwimmen fast. Sie führen ein Schattendasein. Die Fische und Aale hingegen treten plastisch hervor. Das Animalische herrscht in diesem Raum, die sture Stummheit des Triebes. Die Menschen unterwerfen sich, von dunklen Möchten verzaubert. Eine Szene, die haften bleibt, weil sie mit kühnem Bild Abgründe aufreist.

Sonst gibt es Passagen, die etwas gedehnt wirken. Manchmal ist Welles zu lange in eine gewisse exklusive Photographie vernarrt. Indes, zuweilen scheint es, das Schleppende sei gewollt, sei Einladung zur Reflexion. Orson Welles gehört zu den wenigen Filmleuten, die deuten und in ihren Filmen eine (allerdings ziemlich fatalistische) Weltanschauung zum Ausdruck bringen. Er selbst spielt den Naturburschen mit der ihm eigenen Dummheit. Rita Hayworth hat die prickelnde Präsenz, die der Rolle angemessen ist. Offenbar hat ihr Exgatte Welles bewußt die Skala ihres Spiels auf ein Minimum gedrosselt. Ihr Aussehen ist alles; das ist nichts, besonders im Film. Eine „Mobilisierung” ihres Wesens, wie sie in der „Lady from Shanghai" geschah, bleibt jedoch ein Einzelfall, weil dazu eine Verachtung der Konvention und eine kritische Geistigkeit gehören, die in Hollywood nur aus Versehen gedeihen.

(Neue Züricher Zeitung)

Info
The Lady from Shanghai
Vereinigte Staaten 1947, 87 min
R Orson Welles
B Orson Welles, Sherwood King (Buch)
K Charles Lawton Jr., Rudolph Maté, Joseph Walker
M Heinz Roemheld
D Rita Hayworth, Orson Welles, Everett Sloane, Glenn Anders, Ted de Corsia, Erskine Sanford, Gus Schilling, Lou Merrill, Carl Frank, Evelyn Ellis, Harry Shannon