Film und autoritäre Gesinnung

Wer bei dem Stichwort „autoritär“ nur an Nationalsozialismus und Faschismus oder allenfalls noch an Kommunismus denkt, befindet sich bereits auf einem Irrweg, und dazu noch ‚auf einem recht gefährlichen. Denn es ist ja nicht so, daß ein autoritäres Regime die autoritäre Gesinnung der Beherrschten erst erzeugte, es verhält sich vielmehr umgekehrt: Der Hang zum Autoritären ist — wenigstens in Deutschland — latent stets vorhanden, und zwar sowohl in der passiven Form der Autoritätsgläubigkeit als auch aktiv in Gestalt einer weitverbreiteten Intoleranz, die weder einsehen will noch kann, daß Freiheit ein formaler Begriff ist, daß sie daher nicht von einer willkürlich dekretierten „guten Sache” abhängig gemacht werden darf, mit anderen Worten, daß Freiheit immer nur die Freiheit des Andersdenkenden sein kann. Jener Schalterbeamte, der im Jahre 1938 In einer pfälzischen Kleinstadt einem Juden den Kauf einer Briefmarke verweigerte, handelte gar nicht als „Nazi”; sofern er heute noch am Schalter sitzen sollte, wird er die Leute eben auf gut demokratisch-bürokratische Art schikanieren.

Ein autoritäres Regime macht sich also eine schon vorhandene autoritäre Gesinnung nur zunutze. Daraus ergibt sich dreierlei: 1. Rechts- oder linksradikale Strömungen finden immer ein Reservoir an geeignetem Menschenmaterial vor: der NS- und der KP-Funktionär sind in der subjektiven Grundhaltung der Intoleranz austauschbar. 2. Autoritäre Gesinnung ist aber nicht an eine bestimmte Partei-Ideologie gebunden; das autoritäre Potential ist zu einem großen Teil bei den demokratischen Parteien untergekommen und hat sich dort installiert. 3. Es ist daher oft schwierig, autoritäre Gesinnung als solche zu erkennnen, insbesondere dann, wenn sie unter der Tarnkappe der „guten Sache” agiert; der komplizierteste Fall ist die Bekämpfung autoritärer Gesinnung mit autoritären Mitteln, wenn Freiheit mit Intoleranz erzwungen werden soll, etwa unter dem Motto „Keine Freiheit den Feinden der Freiheit!“‚ wobei die Feinde der Freiheit immer „die anderen“ sind.
Es leuchtet ein, daß es unter solchen Umständen wenig ergiebig ist, autoritäre Gesinnung in nazistischen Filmen aufzuspüren, sie strotzen sowieso davon. Viel interessanter ist es, solche Filme auszuwählen, in denen die autoritäre Tendenz propagiert wird oder überhaupt nicht bemerkt wurde oder gar das Gegenteil beabsichtigt war. Der Prototyp scheinbar harmloser Filme sind jene Western, in denen der „gute“ Held der „guten” Sache unbekümmert um Recht und Gesetz zum Siege verhilft, wobei wieder einmal der Zweck die Mittel heiligt. Es gibt, wie man weiß, weltliche und geistliche Erzieher, denen so etwas wesentlich unbedenklicher erscheint als eine entblößte weibliche Brust. Es wäre jedenfalls naiv zu glauben, daß nicht auch demokratische Filme demokratischer Epochen autoritäre Tendenzen beinhalten könnten.

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