Soziale Konflikte im Film

Die landläufige Meinung. Konflikte — soziale wie private — seien negative Zustände oder Prozesse, die möglichst rasch einer Lösung zuzuführen seien, ist seit jeher vom Film kräftig genährt worden. Denn so wie es kaum einen Film gibt, der nicht dramaturgisch von Konflikten lebte, gibt es auch kaum einen, in dem nicht entweder der Konflikt gelöst oder aber umgekehrt das Mißlingen der (selbstverständlich angestrebten) Lösung mit all seinen bösen Folgen gezeigt würde. Merkwürdig, ob Happy-End oder tragischer Ausgang, der ergriffene Zuschauer ist auch von letzterem auf eine hintergründige Art befriedigt. Höchst unbefriedigt, wenn nicht ungehalten, ist der durchschnittliche Kinobesucher jedoch von jener selteneren dritten Filmkategorie, die die Konflikte entstehen oder einfach da sein läßt, und wenn der Film zu Ende ist, sind sie immer noch da, wie sie zu Beginn schon da waren.

Daß der Zuschauer sich hier frustriert fühlt, liegt an einer weitverbreiteten psychologischen Täuschung, die — keineswegs auf das Filmerleben beschränkt — ihn glauben macht.
mit der Aufhebung der manifesten Konfliktsituation sei auch deren mehr oder weniger latente Ursache, die (intra- oder interindividuelle) Spannung beseitigt. Mit anderen Worten: der Kinogänger will sich seine Illusion nicht zerstören lassen, daß Konflikte deteriore Abweichungen von der Norm seien, denn das Normale sei „eigentlich“ die Harmonie, d. h.
ein permanenter Nicht-Konflikt-Zustand.

Dieses Harmonieideal haben Psychologie, Sozialpsychologie und Soziologie längst als utopisch erkannt und aufgegeben.
Denn die Erfahrung zeigt, daß eine konfliktfreie Existenz weder für den einzelnen noch für die Gesellschaft möglich ist; nicht von ungefähr sind alle noch so ideologieschwangeren sozialen Versuche in dieser Hinsicht hoffnungslos gescheitert. Zum andern ist es mehr als fraglich, ob ein spannungs- und somit konfliktfreies „harmonisches” Existieren für Individuum und Gesellschaft überhaupt wünschenswert wäre. Denn wir wissen, daß ohne spannungshaltige Gegensätzlichkeiten das Leben verödet, versandet, unproduktiv und steril bleibt.

Wozu dann aber die Beschäftigung mit Filmen, deren Tendenz zu einem großen Teil wirklichkeitsfremd ist? Nun, es bleiben immerhin noch zwei gewichtige Gründe, sich mit dem sozialen Konflikt im Film zu befassen: Erstens gibt es auch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit Konflikte, die zerstörend wirken und deshalb zwangsläufig behoben werden müssen, sollen sie nicht zu dem erwähnten „tragischen“ Ausgang führen. Es ist zu prüfen, welche — realistischen oder unrealistischen — Möglichkeiten der Behebung, Umstrukturierung und Umfunktionierung paradigmatisch angeboten werden, um einer konkreten Konfliktsituation zu begegnen. Zweitens ist zu untersuchen, ob es etwa bestimmte Kategorien oder Typen sozialer Konflikte gibt, die in der Geschichte immer wiederkehren oder aber an bestimmte Zeitumstände gebunden sind. Von besonderem Interesse dürfte dabei die Frage sein, ob der Gegenwartsfilm die gesellschaftliche Wirklichkeit und ihre ganz spezifischen Konfliktmöglichkeiten adäquat widerspiegelt oder nicht, und wenn nicht, warum wohl nicht.

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