New Hollywood

DIE 60er JAHRE: STAGNATION UND KRISE
 
Die 60er Jahre waren das traurigste und langweiligste Kapitel in der Geschichte des amerikanischen Kinos. Die von künstlerischer Stagnation und ökonomischer Dauerkrise gekennzeichnete Dekade brachte das Ende der langen Karriere von so großen Regisseuren wie Michael Curtiz (CASABLANCA) oder John Ford. Die mittlere Generation, die in den 50er Jahren dominiert hatte, erwies sich als nicht stark genug, die entstandenen Lücken zu füllen. Bedeutende Cineasten, darunter Nick Ray und Don Siegel, resignierten angesichts der schlechten Produktionsbedingungen Hollywoods und suchten ihr Heil in Emigration oder Gelegenheitsarbeit beim Fernsehen. Zur gleichen Zeit verflachte das Talent wichtiger Regisseure der 50er Jahre, wie Vincente Minelli oder John Sturges. In den 60er Jahren blühte in Hollywood das Kino der herzlosen Mittelmäßigkeit, ein Kino, das weniger denn je mit den tatsächlichen Erfahrungen und Sensibilitäten des Zuschauers zu tun hatte.
Erst 1967 deutete sich mit THE GRADUATE (Die Reifeprüfung), einen Film über bürgerliche Doppelmoral und jugendliches Aufbegehren, und BONNIE AND CLYDE, der mit seinem anarchischen Romantizismus bereits auf die EASY RIDER-Zeit verweist, eine Wende an.
 
ROGER CORMAN UND DIE ROLLE DER B-PICTURES
 
Nicht in den großen Studios, aber am Rande von Hollywood gab es Arbeitsmöglichkeiten für junge, unverbrauchte Außenseiter. Kleine B-Picture-Gesellschaften spezialisierten sich auf die Herstellung anspruchsloser Billigware (Diese B-Pictures wurden jeweils nach dem Hauptfilm gezeigt). Eine dieser Firmen war American International Pictures (AIP), die bis in die 70er Jahre ein wichtiges Experimentierfeld für die Avantgarde des Neuen Hollywood blieb, die hier ihre harte Lehrzeit absolvierte. AIP produzierte auch den E.A.Poe-Zyklus (z.B. Der Rabe) von Roger Corman, der schnell zum führenden Regisseur und Produzenten avanzierte. Er hatte das seltene Talent, begabte junge Filmemacher zu entdecken und zu fördern und ist zweifellos eine Schlüsselfigur des New Hollywood. Als Produzent zeigte er sich Experimenten gegenüber aufgeschlossen, verhalf Francis (Ford) Coppola und Peter Bogdanovich zu ihren ersten Regieaufträgen und produzierte z.B. Martin Scorsese's frühen Film BOXCAR BERTHA (1972).
 
In der zweiten Hälfte der 60er Jahre entstanden billige Motorradfilme wie HELL'S ANGELS ON WHEELS und WILD ANGELS sowie der Drogenfilm THE TRIP (1967, mit Jack Nicholson). Diese Filme gaben unprätentiös und recht genau die Stimmung der jungen Generation zwischen Aufbruch und Resignation wieder und sind Dokumente der Abkehr von den durch die politischen Ereignisse der 60er Jahre immer fragwürdiger gewordenen Normen und Werten der amerikanischen Wegwerfgesellschaft.  
 
EASY RIDER UND DAS JAHR DES AUFBRUCHS
 
Dann kam EASY RIDER (1969, Regie: Dennis Hopper, Filmkreisprogramm SS '84). Eine Motorradfahrt von LA nach New Orleans, eine Geschichte von leeren Straßen und von durch Reklame entstellten Vorstädten. 10 vertraute Rocksongs begleiten den Film, dessen ausgesucht poetische Bilder dem Zuschauer die schon fast ganz vollzogene Zerstörung der natürlichen, menschenwürdigen Umwelt bewußt machen. EASY RIDER war in jeder Hinsicht der Schlüsselfilm des Neuen Hollywood: sein enormer finanzieller Erfolg (über 20 Millionen Dollar Einspielergebnis bei Produktionskosten von 400 000 Dollar) schaffte einer ganzen Generation junger Cineasten unversehens einen kreativen wie ökonomischen Freiraum, in dem sich eine anfangs rauschhafte Produktivität entfaltete. Hollywood gab die Parole "Think Young" aus und setzte plötzlich auf Low Budget-Filme für ein junges Publikum, das die Industrie in den 60er Jahren verloren hatte. EASY RIDER initiierte das neue Genre der Road-Movies, deren zentrales Thema die Flucht aus totaler Entfremdung und die Suche nach der verlorenen Freiheit ist. Beispiele sind TWO-LANE BLACKTOP, Spielbergs SUGARLAND EXPRESS, Hal Ashbys THE LAST DETAIL und Richard C. Sarafians VANISHING POINT (Fluchtpunkt San Franzisco).
 
1969, das Jahr von EASY RIDER, war ein Jahr des Aufbruchs: M*A*S*H, eine grelle Groteske aus dem Koreakrieg, meinte offensichtlich Vietnam und inspirierte mit seiner Mischung aus zynischem schwarzen Humor und rabiatem Klamauk Filme wie die 1970 enstandenen CATCH 22 und LITTLE BIG MAN. WOODSTOCK stand am Anfang einer Reihe einträglicher Rock-Dokumentarfilme, BUTCH CASSIDY AND SUNDANCE KID (Zwei Banditen, 1968) begründete eine Welle von Männerfreundschafts-Filmen, wobei MIDNIGHT COWBOY (Asphalt-Cowboy) eine naturalistisch-pessimistische Variation darstellt.
 
EINE NOUVELLE VAGUE MADE IN HOLLYWOOD ?
 
Die jungen Regisseure, die in den Jahren nach EASY RIDER in Hollywood offene Türen fanden, fühlten sich eher dem europäischen Autorenfilm (Bergman, Fellini, Godard) als dem klassischem amerikanischen Kino, dessen Qualitäten von Leuten wie Hopper schlicht negiert wurden, verbunden. Junge Außenseiter erhielten die Gelegenheit, vom Studio-Einfluß weitgehend unabhängige Filme zu realisieren. So entstand z.B. SILENT RUNNING (1971).
Viele der erwähnten Filme eröffneten dem amerikanischen Kino Sujets, die zuvor von den Major Studios kaum je angerührt wurden. Doch die kreative Euphorie der Jahre 1969 - 71 verflog schnell, da das Publikum den meist disparaten Werken der Neuen Welle recht hilflos gegenüberstand, was auch an veralteten Werbestrategien lag. Die gleichen Regisseure, die eben noch als Retter Hollywoods gefeiert wurden, standen nach der Pleite ihres ersten oder zweiten Films wieder draußen vor der Tür. So erging es auch EASY RIDER-Regisseur Dennis Hopper nach dem Flop seines zweiten Films THE LAST MOVIE (1971). Mitte der 70er Jahre war der Traum einer amerikanischen Nouvelle Vague endgültig vorbei. Mit der weltweiten Rezession, die wie in den 30er Jahren den Kinobesuch verstärkte, setzte Hollywood auf totalen Eskapimus wie z.B. mit den Katastrophenfilmen, große Budgets und das alte Studiosystem und baute die Unabhängigkeit ab. Filme wie JAWS und STARWARS fuhren riesige Gewinne ein.
 
Einige wichtige Regisseure, die in den Jahren von EASY RIDER ihren Durchbruch erlebten, konnten sich bis heute behaupten. Ihre Werke prägen neue Themen, neue Seh- und Erzählweisen, ohne die Qualitäten des traditionellen amerikanischen Kinos ganz zu verleugnen.
 
Vier dieser Regisseure stellt der Filmkreis dieses Semester mit früheren und neueren Filmen vor.
 
(nach Hans C. Blumenberg in: New Hollywood, Reihe Film 10, Hanser Verlag 1976)