The Ballad of Genesis and Lady Jaye

Mittwoch, 20.6.2012 20:45  ! Programmkino Rex
0:00 The Ballad of Genesis and Lady Jaye

Ihre Konzerte und Performances waren (heraus-)fordernd bis schockierend, provokativ und anstrengend. Der Film über sie und mit ihnen ist dagegen unerwartet leicht, beschwingt, poetisch und unterhaltsam. Die Regisseurin scheut sich dafür nicht mit allen Regeln des Dokumentarfilms zu brechen und so ist das Ergebnis am Ende auch gar keine Doku, sondern genau das, was der Name schon sagt: eine Ballade, nur eben wieder eine der ganz eigenen Art, nicht getragen und episch, sondern sprunghaft und kurzweilig, ein echtes Kunst-Werk.


Das Fabelwesen Genesis P'Orridge begann schon Anfang der 70er Jahre als Mitglied von Coum Transmissions mit bizarren Auftritten das britische Establishment zu erschrecken und machte als Mitbegründer der Industrial Musik mit Throbbing Gristle und später Psychic TV grad so weiter.
Dabei beschränkten weder er noch die drei Gruppen sich auf Musik und (Bühnen-)Performances und betätigten sich auch als Autoren und Multimedia-Pioniere. Und auch wenn in allen drei Formationen für Genesis P'Orridge galt, daß Kunst- und Lebenskonzept zusammengehörten und auch so praktiziert wurden, war es erst die Begegnung mit Lady Jay und ihre große Liebe, die zur bisher einmalig ultimativen, bis in die Physiognomie reichenden Symbiose von Kunst und Künstlern führen sollte, als die beiden ab dem Jahr 2000 begannen, dem eigens als Manifest von eigener Hand verfassten Pandrogynie-Konzept folgend, sich einer Reihe von Operationen zu unterziehen, um sich auch anatomisch einander anzugleichen, bis zur gewünschten Verschmelzung in ein gemeinsames Wesen “dritter Art”. Dem kam 2007 mitten in den Dreharbeiten der plötzliche Tod von Lady Jaye zuvor.

Was jedes herkömmliche Dokumentarfilmkonzept, sei es biographisch oder als work-in progress-Portrait gedacht, aus der Bahn geworfen hätte, eröffnete für Marie Losier, die vorher schon mit den beiden zusammen zu leben begann, die einmalige Chance aus einer privilegiert intimen Perspektive, sozusagen von innen her einzufangen, was geschieht wenn Lebens- und Kunstkonzept so radikal verschmolzen werden und das Leben aufhört (sich ans Konzept zu halten). Sie tat es aber eben nicht nüchtern aus objektivierender Distanz, sondern mit ebenso phantasievoll vielfältigen künstlerischen Mitteln, wie es ihren Subjekten entspricht.


"Dieser Film zieht uns in eine völlig neue Welt der Mannigfaltigkeit, in der alles möglich ist; Gender-wechsel, Identitätsveränderungen und zwei Menschen können eins werden durch Pandrogynität. Die Jury befindet, dass niemand diese einmalige Liebesgeschichte erzählen könnte wie Ms Losier es tut.“ (Aus der Urteilsbegründung der Berlinale-Jury zur Verleihung des Caligari-Preises 2011)

„Marie Losier hat dieser Liebe nun ein filmisches Denkmal gesetzt. Doch auch darüber hinaus ist der Film durchaus interessant, entzieht er sich doch immer wieder den Konventionen herkömmlicher Musiker-Dokus. Mit Super-8-Aufnahmen, Stop-Motion-Animationen, nachgestellten Kindheitserinnerungen und artifiziellen Settings zelebriert Losier eine surreale Do-it-yourself-Ästhetik mit kindlichem Charme. Von einer bloßen Vermittlung von Informationen und einer Aufzählung von Anekdoten grenzt sich dieser Ansatz deutlich ab.“ (critic.de)



Im Rahmen der Ausstellung „A House Full Of Music“ veranstaltet der Filmkreis in Kooperation mit dem Citydome Darmstadt eine Reihe von insgesamt fünf Abenden, deren Themenschwerpunkt auf „Strategien in Musik und Kunst“ im Medium Film liegt.



Weitere Filme der "A House Full Of Music" Reihe:

Dienstag, 15.05. - Audimax - 20:00Uhr   Kurzfilmabend mit Werken Oskar Fischingers

Mittwoch, 23.05. - REX - 20:45Uhr   Sound of Noise OmU

Mittwoch, 06.06. - REX - 20:45Uhr   Across the universe

Dienstag, 03.07. - Audimax - 20:00Uhr   32 Variationen über Glenn Gould OmU

MS