Orson Welles' Othello

Mittwoch, 6.6.1962 21:00  ! Köhlersaal
21:00 Orson Welles' Othello

Programmheft SoSe 1962:

Schon 1948 begann Orson Welles mit den Arbeiten zu „Othello”. Eine ganze Legende rankt sich um die Produktion dieses Films, die sehr oft unterbrochen wurde, weil kein Geld da war und Welles schnell in einem anderen Film Charge spielen mußte, die er sich teuer bezahlen ließ. Als einmal die Kostüme für Cassio und Rodrigo nicht rechtzeitig aus Rom da waren, wollte er den Tag nutzen und verlegte kurzerhand die ganze Szene der Ermordung ins Türkische Bad. Die Szene wurde „aus dem Hut” gedreht, und als der Film 1952 in Cannes den großen Preis bekam, wurde dieser Einfall von der Kritik als meisterlicher Ausdruck einer außerordentlichen Shakespearekonzeption gerühmt.

„Shakespeare spricht in Bildern, und Welles tut desgleichen, wobei Sprachbilder und Filmbilder gleich kühn sich weiten, aus Abbildern zu Sinnbildern werden. Daß Welles Shakespeares Stil traf, kommt daher, daß er des Dramas äußere Form nicht achtete. Ganz ungestraft tat er das freilich nicht; denn außer Othello, Desdemona und Jago schrumpfen die meisten Figuren zu Schemen zusammen. Was sie treiben, wird manchmal undeutlich, so hastig griff Welles nach dem einen großen Thema Eifersucht. Welles, der Regisseur, gab Welles, dem Schauspieler, alle Chancen, es auszuschöpfen. Und Welles schöpft es aus: Er spricht hinreißend und verkörpert einen Othello, der erst dann mit Eifer sucht, was Leiden schafft, als mit Desdemona sein innerer Engel stürzt. Sein Auftreten ist begleitet von optischen Kadenzen, wie sie bisher kaum ein Film zuwege brachte. Wie dieser Mohr aus dem Säulenschatten cyprischer Paläste auftaucht, in hallenden, domartigen Kellern versinkt, wie er, sein eigener Gefangener, am Gitterwerk einer Halle entlangtaumelt oder in einen ausgelaugten Himmel starrt, in den kreischende Möwen quälende Figuren zeichnen — Shakespeare hätte sich bestimmt nicht geärgert.”

(Rh. Merkur)