Vertigo - Aus dem Reich der Toten

Mittwoch, 7.11.1962 20:30  ! Köhlersaal
20:30 Vertigo - Aus dem Reich der Toten

Programmheft WS 1962/1963:

Dieser Thriller ist zwei Stunden lang und seine Fabel besteht im Grunde nur aus den beiden endlosen Gängen des Mannes, auf denen er seine Geliebte gleichsam einzuholen trachtet. Was diesem Film aber — man möchte sagen: erwartungsgemäß — einen Spannungsbogen garantiert, der in seinem lntensitätsgrad pausenlos kontrolliert ist, sind jene hitchcockschen „Ablenkungen", die keine sind, weil sie nicht, wie momentan vermutet, die Erzählung in eine neue Richtung lenken, sondern, wie allemal das Ende zeigt, den einmal eingeschlagenen Weg lediglich konsequent weitergetrieben haben. In der Art der Ablenkungen bringt „Vertigo" nichts umwerfend Neues, aber ihre zeitliche Abstimmung ist diesmal von einer so ruhigen Ausgewogenheit, daß Hitchcock hier eine vormals kaum je erreichte rhythmische Perfektion erlangt.
Auf eine vereinfachte Formel gebracht, besteht Hitchcocks Kunst darin, uns in den Genuß einer Spannung zu setzen, die derart durch Abstraktion hindurchgegangen ist, daß man mit der Frage nach der Wirklichkeit der Menschen seiner Filme bereits Gefahr läuft, den dramatischen Mechanismus, in den sie als psychologisierte Teile eingespannt sind, zu zerstören. Erstmalig im „Falschen Mann” konstituiert sich bei Hitchcock — jedenfalls mit Erfolg — ein Film nicht in abstrakter Spielerei, sondern durch die menschliche Anteilnahme, die er für seinen Helden weckte; dessen Psychologie war von untergeordneter Bedeutung.
In „Vertigo" aber scheitert Hitchcock schließlich an einem unversöhnlichen Widerspruch. Einerseits läuft hier die „schöne Agonie der Spannung”, wie man das erzählerische Gefälle seiner Filme charakterisiert hat, mit unfehlbarer Genauigkeit ab; andererseits ist ihm für einen Thriller einfach zu viel von der Menschlichkeit des „Falschen Mannes" unter der Hand mit eingeflossen. Am Ende steht Scottie mit der Geliebten zum zweiten Mal auf dem Turm. Er weiß längst, daß sie der Mithilfe am Mord schuldig ist; außerdem hat sie ihm eben ein Geständnis gemacht. Trotzdem, und die Schilderung des Verhältnisses der beiden macht es glaubhaft, sinkt er ihr zu einem langen Kuß in die Arme. Hier hat bereits ein ganz anderes Drama begonnen, von einer Dimension, vor der Hitchcocks Geometrie abprallen muß. Hitchcock ist kein Bresson. So erklärt sich die geradezu lächerliche Brutalität der letzten Filmsekunden: ein barer Gag, das Erschrecken über das zufällige Auftauchen einer Nonne, reißt das Mädchen buchstäblich von Scotties Lippen in die Tiefe. Es ist nicht das erste Mal, daß sich Motive bei Hitchcock einschlichen, für die sein Genre nicht herreicht.

(Filmkritik)