Westfront 1918

Mittwoch, 16.1.1963 20:30  ! Köhlersaal
20:30 Westfront 1918

Programmheft WS 1962/1963:

Zusammen mit den beiden anderen bedeutenden Tonfilmen von G. W. Pabst „Dreigroschenoper” und „Kameradschaft”, mit Viktor Trivas „Niemandsland”‚ Piel Justiz „Berlin — Alexanderplatz” und Leontine Sagans „Mädchen in Uniform” (1931!) gehört „Westfront 1918” zu den Meisterwerken des deutschen Filmrealismus der Vor-Hitler-Jahre. Man muß diese Filme vor der Folie des damals in der übrigen deutschen Ufa-Produktion herrschenden Trends sehen, um ihre Bedeutung zu ermessen: vor der Folie einerseits der autoritären Epen (Ucickys „York” und „Morgenrot”‚ Trenkers „Rebell”, Froelichs „Choral von Leuthen”), die den 30. Januar vorzubereiten halfen, und andererseits der ausgelassenen Operetten („Der Kongreß tanzt”, „Die Drei von der Tankstelle”), die die von staatswegen verordnete politische Sorglosigkeit vorweg nahmen. „Kameradschaft” und „Berlin — Alexanderplatz”, „Niemandsland” und „Westfront 1918” spiegeln gleichermaßen den Mut und die Unzulänglichkeit der „linken” Opposition von 1932.

Die „Vier von der Infanterie”, deren Schicksale der Film berichtet, stehen in ihren Reaktionen stellvertretend für verschiedene Typen: der Bayer (Fritz Kampers) rettet zunächst seinen „Hamur” noch durchs Grauen des Grabenkrieges‚ der Student (H. J. Möbius) findet in einer Kampfpause Gelegenheit zur Liebe, Karl (Gustav Dießl) hat sich das Vertrauen in seine Frau bewahrt, und der junge Leutnant (Claus Clausen) ist beseelt von Langemarck-Idealismus.

Zum Meisterwerk gerät der Film durch die vollständige Umsetzung der Aussage ins Optisch-Sinnfällige. Pabsts Realismus ist ein Realismus des Details: er vermeidet die Verallgemeinerung, nichts Einzelnes „steht” stellvertretend für ein Ganzes, erst durch die Summe der Details erscheint der Sinn — besser: der UNsinn — des Ganzen, des Krieges.

Wenn so auch das Gezeigte „für sich selber” spricht, so bedarf es doch höchster Kunst der Kameraführung, daß die objektive Wirklichkeit transzendiert zum Bild der geschändeten Menschlichkeit. Pabsts Kamera leistet dies hauptsächlich in den Fahrten, bei denen sie, oft ruckhaft und in wechselnder Richtung, ein meist unbewegtes, oft gänzlich erstarrtes Gelände abtastet. Der Charakter dieser Fahrtaufnahmen, die stets gegen die Richtung des Filmgeschehens verläuft, ist demjenigen der Fahrtaufnahmen in Kubricks „Wege zum Ruhm” genau entgegengesetzt: diese unterstreichen die Bewegung, etwa eines Sturmangriffs, indem sie in gleicher Richtung begleiten. Eindringlicher als Kubricks ausgeklügelte Totalen und temporeichen Fahrten machen die scheinbar kunstlosen, langsamen und ungleichmäßigen Fahrten in „Westfront 1918” das Grauen spürbar.

Der Mangel des Films liegt in seiner Beschränkung auf einen Ausschnitt des kriegerischen Geschehens selbst. Die Ursachen des Grauens bleiben außerhalb des Bildes, so daß als unmittelbare Konsequenz sich nur eine vage Antikriegs-Stimmung einstellt, die wohl nur in den seltensten Fällen die rechte Einsicht in die Ursachen und damit die Möglichkeit zu deren praktisch-politischer Überwindung nach sich zieht, so wie sie andererseits zu einem kurzsichtigen Pazifismus führen kann, der ebenfalls der Realität einer noch nicht befriedigten Welt nicht
gerecht wird.

(Enno Patalas in „Filmkritik")