Tatis Schützenfest

Donnerstag, 26.5.1983 21:00  ! Audimax
21:00 Tatis Schützenfest

Programmheft SoSe 1983:

Jahrmarkt in dem kleinen französischen Provinznest Sainte-Sévère. U.a. ist auch ein Kinozelt aufgebaut, in dem der Dorf-Briefträger François voller Staunen einen Kurzfilm über die Leistungen der Post in den USA sieht. Die Schausteller überreden ihn, sich an diesem Vorbild zu orientieren; und alsbald versucht François mit seinem klapprigen Fahrrad amerikanisches Tempo zu imitieren. Mit unterschiedlichem Erfolg... Auf der Ladeklappe eines fahrenden Lasters stempelt er seine Briefe, er überholt mühelos die Fahrer der Tour de France, andererseits landet er mit seinen Bemühungen in einem Fluß. So kehrt er schließlich zum beschaulichen Alltag zurück.
 
Diese skurril-poetische Geschichte ist eingebettet in die liebevolle Schilderung eines frz. Dorfes, seiner Sonderlinge und seiner alltäglichen Ereignisse. Mittelpunkt aber ist stets Tati, der allen helfen möchte und überall nur Unheil stiftet. Tati hat dabei seine eigene Art von Humor entwickelt, der menschliche Schwächen zwar entlarvt, der aber niemals verletzt und bei dem die Requisiten eine große Rolle spielen. Immer wieder sieht man ihn im Kampf mit der Tücke des Objektes, ob es sich nun um sein Fahrrad, einen Fahnenmast oder eine Bahnschranke handelt.
( aus: Reclams Filmführer )


Programmheft WS 1968/1969:

In „Jour de fête“ schuf Tati zum erstenmal jenen komischen Typ, dem er auch In seinen späteren Filmen treu blieb: den Typ des freundlich-vertrottelten, naiven, aber mit einer Art Bauernschläue begabten Sonderlings, der überall behilflich sein möchte, meistens aber nur Anstoß erregt. In „Jour de fête” gab Tati dieser Gestalt die Züge des radelnden Landbriefträgers Francois, der mit weiten Pumphosen, einem herabhängenden Schnurrbart‚ einer abgewetzten Posttasche und einem uralten Fahrrad ausgestattet ist. Jedoch ist der Film nicht nur das Portrait eines Typs; er entwirft auch ein heiter-ironisches Panorama des dörflichen Lebens.
Mit einer Inhaltsangabe kann man den Film nur sehr unzureichend beschreiben. Denn „Jour de fête” lebt wie jeder andere Film Tatis von der ausgeklügelten Logik der Gags, die sich aus dem Zusammenstoß des Menschen mit der Umwelt und ihren Objekten ergeben. Er lebt aber auch durch die Figur Tatis, durch seine Erscheinungs- und Verhaltensweise, und nicht zuletzt lebt er durch sein Milieu. Aus einzelnen Beobachtungen und eingestreuten Episoden setzt Tati ein satirisch gefärbtes Bild vom Alltag in Sainte-Sévère zusammen. Doch die Absonderlichkeiten, die der Film aufzeigt, erscheinen in freundlichem Licht. Ein altes, gebücktes Weiblein streift mit ihrer Ziege durch die Dorfgassen; sie ist es, die Tati auf ihrem Wagen wieder nach Hause fährt, als er bei einer wilden Jagd in den Fluß gefahren ist. Ein alter, tatteriger Ausrufer erscheint auf dem Marktplatz und ließt mit versagender Stimme einen Avis vor, der eine „grande séance de cinéma“ bekanntgibt. Da sind der leicht cholerische Wirt, die neugierige Nachbarin, der Friseur, der Schlachter, der Bäckerjunge‚ die Postbeamten in ihren baufälligen Büros: sie alle haben ihre Eigenheiten und komischen Seiten, aber Tati schildert sie voller Verständnis, er geht nicht mit ihnen ins Gericht.

Tatis Komik als Briefträger resultiert nicht aus seinem bizarren Aussehen oder seiner merkwürdigen Naivität allein; sie ist vielmehr das Ergebnis des ständigen Kampfes, den er mit den Objekten und den Lebewesen seiner Umwelt ausficht. So etwa der Kampf mit der Biene; oder mit dem aufzurichtenden Fahnenmast, der wild in seinen Armen hin- und herschwankt; oder mit seinem vorsintflutlichen Fahrrad, das er im Rausch vergebens zu besteigen sucht. Aber es ist kein diabolischer Kampf, den Tati auszufechten hat, allenfalls ein neckischer Schabernack. Und gerade das gehört zum spezifischen Charakter Tati'scher Komik. So macht sich einmal sein Fahrrad selbständig und geht auf eine längere Eigenreise entlang einer abschüssigen, kurvenreichen Landstraße, während Tati immer hinterdrein rennt; aber dann, müde der Eskapaden, lehnt es sich plötzlich wieder von selbst an eine Hauswand, als sei nichts geschehen. Oder: während Tati auf der Ladeklappe des dahinfahrenden Lastwagens seine Post abstempelt, begibt sich kein spektakulärer Unfall: Tati ist mit Stempeln fertig, als eine Abzweigung kommt; elegant biegen Radler und Lastauto auseinander.
Eine Eigenart des Tati'schen Gags liegt noch in seiner Kombination oder der Wiederholung: aus einem komischen Einfall holt Tati immer noch mehrere andere hervor. Die Biene überfällt nicht nur den radelnden Tati, sondern auch einen Bauern, einen Musikantenzug, dessen Beckenschläger sie zwischen seinen Becken zu zerquetschen sucht, und sie ist wieder da, als Tati sich nachts mit seinem Fahrrad in einer Hecke verheddert hat.

Tatis schauspielerisches Auftreten gibt dem Film einige seiner besten Pointen: sein unbeholfener, staksiger Gang, seine kerzengerade Haltung auf dem alten Fahrrad, das Herumschleudern der Posttasche und vor allem seine pantomimische Ausdrucksweise. Bemerkenswert aber auch Tatis Erfindungsgabe, seine Pfiffigkeit‚ andere, sogar seine Freunde zu düpieren; etwa die amerikanische Militärpolizei, die ihren Augen nicht trauen wollen, als sie sehen, wie ein französischer Landbriefträger von seinem Fahrrad aus mit New York telefoniert.

Alles in allem ist „Jour de fête” ein poetisches Meisterwerk, in das eine Überfülle herrlicher Ideen und kluger Beobachtungen eingegangen ist; vielleicht nicht so brillant und aktuell zugespitzt wie seine späteren Filme, aber das wird durch die Liebe wettgemacht, die der Autor an die Ausarbeitung der Gags und die Zeichnung des ländlichen Milieus gewendet hat.