Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?

Donnerstag, 30.4.1987 21:00  ! Köhlersaal
21:00 Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?

Programmheft SoSe 87:

Eine Arbeiterfamilie. Nur die Tochter hat noch Arbeit und damit Verdienst. Ihr Burder stürzt sich aus dem Fenster, als er erfährt, daß ihm die Unterstützung gekürzt werden soll. Die Familie kann die Miete nicht mehr bezahlen und fliegt raus. Annis Freund Fritz besorgt eine Unterkunft in der Laubenkolonie "Kuhle Wampe". Als Anni ein Kind erwartet, versucht er sie zur Abtreibung zu überreden, ein älterer Genosse macht ihm jedoch seine Verantwortung klar. Fritz zieht jedoch der Belastung durch eine Ehe wegen nach Berlin. Auf einem Arbeitersportfest treffen sie sich wieder. Sie wollen gemeinsam einen neuen Anfang machen. Auf der Rückfahrt mit der Straßenbahn diskutieren die jungen Arbeiter mit Bürgern über politische und wirtschaftliche Fragen und singen ihr berühmtes Solidaritätslied.

"Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt" ist der einzige kommunistische Film der Weimarer Zeit. Er entstand in der letzten Blütezeit des kritischen deutschen Films vor dem dritten Reich. Slatan Dudow und Bert Brecht mußten unter sehr schwierigen Verhältnissen drehen, denn der größte Teil der Filmindustrie hatte sich selber schon gleichgeschaltet. Die offizielle Gleichschaltung war für die Filmindustrie nur ein Symbolischer Schritt. Vor diesem Hintergrund wurde der Film sofort nach seinem Erscheinen verboten und erst nach einigen Schnitten und nach großen Protesten von Künstlern und Kritikern wieder erlaubt. Das veranlasste Brecht zu seiner Äußerung: Der Zensor ist einer der wenigen, die den Film wirklich verstanden haben. Der Selbstmord des Arbeiters ist kein Einzelschicksal, sondern will als t y p i s c h verstanden sein.

In einigen Szenen kommt der Film der dokumentarischen Chronik sehr nahe, besonders in den Mileuschilderungen am Anfang. In den späteren Teilen ist der Film oft sehr Parteilich im engerem Sinne, indem er Auffassungen der damaligen KPD zeigt. So überzeichnet er den bourgoisen Kleinbürger, bei dem nach Essen, Saufen und Schlafen lange gar nichts kommt. Die Existens der NSDAP wird dagegen nur ganz kurz am Rande gestreift, vielleicht ein Indiz für manche Kurzsichtigkeit und Unterschätzung der Lage. Auch wird die Arbeiterjugend mit den selben stilistischen Mitteln dargestellt, wie später die Hitlerjugend in den NS-Propagandafilmen. Dennoch ist dieser Film herausragend aus denen seiner Zeit, da er Sequenzen zeigt, die in vielen damaligen Filmen schon oder aber immer noch fehlten.