Paper Moon

Donnerstag, 7.5.1987 21:00  ! Köhlersaal
21:00 Paper Moon

Herzallerliebst, artig und zurückhaltend ist Addie nun wirklich nicht. Der kleine Satansbraten erteilt seinem neugewonnen Vater Moses, der seinen Lebensunterhalt mit Betrügereien bestreitet, erstmal Nachhilfe in Sachen "Leute über den Tisch ziehen". Moses wurde Addie untergejubelt, nachdem ihre Mutter, eine Prostituierte, das Zeitliche gesegnet hat. Nach den üblichen Startschwierigkeiten raufen die beiden sich zusammen und sind bald ein eingespieltes Team.

Vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre entwickelt Peter Bogdanovich ein charmantes und witziges Road-Movie, läßt aber gleichzeitig die Problematik dieser schweren Zeiten nicht aus den Augen.

Tatum O´Neal bezauberte mit ihrer Rolle der Addie nicht nur die Kino-Zuschauer, sondern überzeugte auch die Oscar-Jury. Mit zehn Jahren war sie die jüngste Oscar-Gewinnerin aller Zeiten; zwei Jahre später der höchstbezahlte Kinderstar.

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Programmheft SoSe 87:

Als Hollywood Ende der 60er Jahre den Höhepunkt der Krisen erlebt, blickt der junge Bogdanovich unerschüttert zu den großen alten Männern auf. Er blickt auf Hitchcock, Welles und Lubitsch und vor allem auf Hawks und Ford, die er in zwei TV-Features porträtiert. Er organisiert Retrospektiven für Hawks und Hitchcock und schreibt Filmessays. Er soll an die 50.000 Hollywood-Filme gesehen haben. Es formt sich die Vorstellung eines Jägers und Sammlers, der Bilder und Informationen speichert, um sie bei Bedarf mit dramaturgischem Knowhow und viel Gefühl zu verwerten.

1967 dreht er seinem ersten Spielfilm: TARGETS (Bewegliche Ziele). Formale Eckigkeit und thematischer Eigensinn lassen aufhorchen, doch was nach aufsässiger Auseinandersetzung auch mit dem Medium Film aussieht, wird schon mit dem nächsten Film, THE LAST PICTURE SHOW, ins wehmütige Sichdreinfinden abgewandelt. Der Geschichte vom kaputten Killer in TARGETS, der mit einem tödliches Nein zu den bestehenden Verhältnissen steht, folgt die Geschichte von Sonny, für den das Erwachsenwerden mit der Einsicht ins unabänderlich Begrenzte der menschlichen Möglichkeiten zusammenfällt.
Dann folgen Filme, die allemal mit Witz oder Wehmut oder auch kräftig mit beidem gewürzt sind (z.B. IS' WAS DOC).

PAPER MOON ist die Geschichte der kleinen Waise Addie, die auf der Beerdigung ihrer Mutter den trickreichen Bibelverkäufer Mose kennenlernt, sich ihm unaufgefordert anschließt und mit ihm bald ein Gaunerduo bildet. Die kleine Addie hilft, gerissen wie sie ist, Mose seine Bibeln an Witwen loszuschlagen. Ihre gemeinsamen Gaunereien sind die Gaunerein der Zeit einer Krisenzeit (die 30er Jahre). Addie und Mose haben sich das System von Betrug und Übervorteilung zu eigen gemacht, das in den Börsengewittern dieser Depressionszeit weltweit offenbar wurde. Dabei ist Addie um einiges gewitzter als Mose, sie hat die Gesetze der Erwachsenenwelt noch besser durchschaut als er.

Bogdanovich, als Kenner der Filmgeschichte, hat Bildzitate aus Howard Hawks' und John Fords Filmen in PAPER MOON eingefügt. Er will die Tradition des Filmemachens nicht verleugnen, sondern gegenwärtig machen. Das Gaunerpaar erinnert ein wenig an Jackie Coogan und Charlie Chaplin in THE KID und ist auch ein Beispiel für die Gauner-Nostalgie von um 1970 herum entstandenen Filmen wie BONNIE AND CLYDE und DER CLOU.