Milchwald

Mittwoch, 13.12.2006 20:45  ! Programmkino Rex
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Sylvia holt verspätet zwei Kinder von der Schule ab und fährt mit ihnen über die Grenze nach Polen zum Einkaufen. Unterwegs stichelt das Mädchen so lange gegen ihre Stiefmutter bis es zum Streit kommt, in dessen Verlauf die Gereizte irgendwann entnervt die Kinder mitten auf freiem Feld aus dem Wagen verweist und davonbraust. Als sie fünf Minuten später zurückkommt, sind die beiden verschwunden.
Während für die Geschwister eine Odyssee durch das Grenzland beginnt, auf der sie bald auf den Gelegenheitserpresser Kuba treffen, irrt Sylvia fahrig durchs Haus in Erwartung ihres Mannes, dem sie sich an den Hals wirft, ohne eine Äußerung über die Kinder herausbringen zu können. Selbst als ihr Fehlen offensichtlich ist und der Vater alle privaten und amtlichen Kontakte für die Suche aktiviert, bleibt sie wie gelähmt in einer Stummheit gefangen, die das Gegenteil ihrer Auseinandersetzung mit den Kindern bildet. Diese sind inzwischen in eine wechselhafte und uneindeutigere Beziehung zu Kuba getreten, als ihm selbst klar ist und recht sein kann.

Alle Paar Jahre traut sich jemand irgendwo auf der Welt, einen Märchenstoff aufzugreifen und schafft es dann auch noch, auf welche Weise auch immer, Geld dafür aufzutreiben, nicht die kunterbunte und/oder zuckersüsse Schiene fahren zu wollen. Wir reden hier also nicht von SCHNEEWITTCHEN oder CINDERELLA geschweige denn BROTHERS GRIMM, sondern von Filmemachern, die Motive oder Elemente klassischer Märchen in ihrer ursprünglichen, meist viel düstereren und ernsteren Fassung für ihren eigenen Film verwenden und dabei von Zeit zu Zeit Erstaunliches vollbringen: einmalige, berührende Filme, ohne bunten Kitsch, dafür mit Tiefgang. Und auch wenn sie dies gemeinsam haben, sind es sonst doch völlig unterschiedliche Werke wie z.B. Neil Jordans DIE ZEIT DER WÖLFE (Rotkäppchen), Atom Egoyans DAS SÜSSE JENSEITS (Der Rattenfänger von Hameln) oder Hiroyuki Okiuras epochaler JIN ROH (wiederum Rotkäppchen), die wir natürlich alle auch gezeigt haben.
Nun also Christoph Hochhäusler mit MILCHWALD (Hänsel und Gretel) und auch der ist wieder ganz anders als die anderen. Ein Debütfilm mit einem erstaunlich abgeklärten Inszenierungsstil, der alles märchenhaft Unverbindliche gegen klar komponierte Bilder und moralisches Schubladendenken zugunsten differenzierter Figurenzeichnung eintauscht.


"Mitunter erinnert Milchwald an Arbeiten Ingmar Bergmans." (filmdienst)

"Milchwald ist ein Film der strengen Schönheit. In ihm gibt es keine unbedachten Schwenks." (epd film)

"Die visuelle Umsetzung des Films ist erstaunlich konsequent, fast gnadenlos in der Darstellung der Welt." (filmdienst)

"Hochhäusler läßt seine Bilder sprechen." (epd film)

"..erschließt sich dieser Film, der zu den stilsichersten Debüts der letzten Jahre gehört." (epd film)

"Hochhäusler erklärt die Kälte, an der seine Figuren leiden, nicht. Er zeigt sie nur, ohne Kompromiss." (filmdienst)

MS