Kurzfilmpreis unterwegs

kurz.film.tour 2025

Sechs Gewinnerinnen und Gewinner des deutschen Kurzfilmpreises 2024 wurden mit der goldenen Lola gewürdigt. Die Jury hatte dazu aus 273 Einreichungen eine Auswahl von 12 Kurzfilmen nominiert. Wir zeigen euch im Rahmen der "kurz.film.tour 2025" eine 96-minütige Auswahl von vier Gewinnerfilmen und drei Nominierungen der Kateogrien Experimental-, Spielfilm sowie Animation.

Die Filme im Einzelnen:
Dull Spots of Greenish Colors“, 11 Min., Animation, Sasha Svirsky (Wait a second! Matern-Trigo-Magout-Magnuska-Plucinska-Solomon-Ziolkowska GbR)

As If Mother Cried That Night“, 19 Min., Spielfilm, Hoda Taheri, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin

Fire Drill“, 20 Min., Spielfilm, Maximilian Villwock, Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

Melodies of Barking Dogs“, 8 Min., Spielfilm, Daniel Huss, Filmakademie Baden-Württemberg, SWR, Arte

Detours while speaking of monsters“, 18 Min, Experimentalfilm, Deniz Şimşek

Tako Tsubo“, 6 Min., Animation, Pedroza, Fanny Sorgo

Bull’s Heart“, 14 Min., Spielfilm, Margarita Bagdasaryan, Margarita Amineva-Jester

Dauer: 96 Minuten

Mittwoch, 22.10.2025 20:30 Programmkino Rex
Dull Spots of Greenish Colors

Wie erkenne ich den Anfang von etwas, von dem ich noch nicht weiß, was es einmal sein wird? Wann beginnt Alltägliches beängstigende Züge anzunehmen? Der Rorschach-Test ist in diesem Film nicht zufällig ein wiederkehrendes Motiv: der zunehmend verzweifelte Versuch, Muster und Sinn zu erkennen, wo sie sich immer mehr verflüchtigen. Zwischen wimmelnden Strichzeichnungen und sich ausdehnenden granularen Massen wird der Film immer wieder heimgesucht von Gesichtern, die sich permanent verformen und vervielfachen – vom anonymen Social-Media-Grinsen über kubistisch verzerrte Guernica-Wiedergänger bis hin zum maskenhaften Starren eines russischen Diktators. Da war doch mal diese „unaufhaltsame Glücksmaschine“, also kein Grund zur Panik: „I’m okay. I’m okay. Totally fine.“ Doch während die Zeit implodiert und sich in einer fiktiven Vergangenheit einrichtet, holen die Bilder des Krieges die Gegenwart ein. Am Ende lässt der Film eine Gruppe plumper Uniformierter wehr- und orientierungslos im luftleeren Raum taumeln, unterwirft sie, wenn auch nur für Momente, seinen eigenen Regeln.
Mit DULL SPOTS OF GREENISH COLOURS gelingt Sasha Svirsky ein visuell und erzählerisch eigenwilliges politisches Tagebuch, ein Film gegen die Betäubung und Hoffnungslosigkeit.

BKM-PM
As If Mother Cried That Night

Was Exil für geflüchtete Menschen bedeutet, ist immer wieder Thema in den Filmen von Regisseurin Hoda Taheri. In As If Mother Cried That Night zeigt Taheri auf, wie sich die rigiden Einwanderungsregelungen bis tief in intime Beziehungen eingraben. Die Verzweiflung, zurück in die Hände des menschenverachtenden iranischen Regimes geschickt zu werden, treibt ein junges Paar dazu, nach Lösungen zu suchen, die für alle Beteiligten tiefe Spuren hinterlassen. Trotz der nüchternen Bilder von Lena Thiemann erzählt der Film auf berührende Weise nah an seinen Protagonist*innen. Dank dieser Erzählweise erhält man aber auch einen analytischen Blick auf das repressive System, dem Geflüchtete ausgesetzt sind. Taheri, die auch die Hauptrolle spielt, verhandelt gekonnt die Themen Weiblichkeit, Mutterschaft und den weiblichen Körper. Dabei nutzt sie eine Freiheit, die sie im Iran nicht hat, mit dem eigenen Körper umzugehen, wie sie will. As If Mother Cried That Night berührt, beschämt und lässt einen so schnell nicht mehr los.

BKM-PM
Fire Drill

Ein junger Mann aus der Ukraine heuert auf einem Frachtschiff an. Der Krieg in der Heimat flackert wie die fernen Tanker am Horizont. Das Schiff wird zur Schicksalsgemeinschaft auf Zeit. Eine Welt im Wassertropfen. Alle Träume liegen offen. Alle Luken geschlossen. Zwischen Flucht und Zuflucht erzählt Fire Drill ebenso fragil wie berührend von den Prüfungen des Erwachsenwerdens und der Suche nach Hoffnung. Regisseur und Autor Maximilian Villwock ist tief in jene Welt eingetaucht, aus der er seine Geschichten schöpft. In der scheinbaren Leichtigkeit seiner präzisen Beobachtungen spüren wir die Monate der intensiven Milieurecherche auf dem offenen Meer. Über 156 Tage entspinnt sich eine zutiefst menschliche Erzählung, in der das Fiktive zur Wahrheit und die Lebensgeschichten der Menschen an Bord zu verdichteter Wirklichkeit werden. Die Bildsprache von Marco Müller und der außergewöhnliche Score verwandeln die rauen Eindrücke des Alltags auf einem Containerschiff zu impressionistischen Innenbildern, die ihr Publikum tief berühren. Fire Drill ist kein radikaler Film, sondern ein leises, lyrisches Werk voller Hoffnung. Es schöpft aus der Wirklichkeit die poetische Kraft des Kinos.

BKM-PM
Melodies of Barking Dogs

Zugehörigkeit, sich gegenseitig provozieren, eine Annäherung andeuten, Distanz suchen, lässig sein, sich dabei aus Versehen sichtbar anstrengen. Jung und cool sein ist mühsam! Mit außergewöhnlicher Leichtigkeit erzählt Melodies of Barking Dogs von einer Gruppe Teenager auf dem Weg, erwachsen zu werden. Von einem scheinbar unspektakulären Abend und in einem kleinen, beinahe intimen Rahmen der Heimat. Doch in den Details sind feinfühlige und kluge Auseinandersetzungen zu Themen wie Männlichkeit, versteckter Intimität, Einsamkeit und einer generellen Sinnsuche zu finden. Die originelle Erzählung, in Kombination mit einem starken Ensemble und einer sensiblen Kamera-Arbeit, sorgen für einen stimmungsvollen Kurzfilm, der uns von Beginn an in die filmische Welt hinein gezogen hat und der einen ganz besonderen Humor zelebriert. Melodies of Barking Dogs ist ein ruhiger Film, der scheinbar nicht allzu viel will, aber alles, was er möchte, gelingt ihm auch.

BKM-PM
detours while speaking of monsters

Ein Film, der die vielstimmige Geschichte einer Landschaft in der Türkei behutsam zum Sprechen bringt. Sein Rhythmus ist komplex wie die historischen Ereignisse und mythischen Erzählungen, die sich in ihm verschränken. Er gibt uns Raum, in der Landschaft zu lesen, verzeichnet das Vibrieren an ihrer Oberfläche, gleitet suchend am
Horizont entlang, tastet den Himmel ab und taucht plötzlich ab in die Tiefen eines Sees. Es scheint, als versuche der Film in diesen Bewegungen Ausmaß und Schwere einer Geschichte von Repression, Vertreibung und Genozid nachzuzeichnen, die an diesem Ort bis heute nachwirkt, und damit anzudeuten, was die Grenzen der Vernunft
übersteigt. Im fiktiven Zwiegespräch der Filmemacherin mit dieser Landschaft wird deutlich, dass ihre Suche nach den sagenhaften Monstern aus mythischer Vorzeit immer wieder zur Politik zurückführt: zu den Mächtigen, die Antagonisten brauchen, um selbst Helden sein zu können, zu den Vertrauten, die sich weigern, die Dinge beim Namen zu nennen, zu den Opfern, die selber nicht zu Tätern werden wollen. Über Umwege, die uns weit zurück in die Vergangenheit führen, erzählt dieser Film von unserer Gegenwart und wie sie in die Zukunft hineinreicht.

BKM-PM
Tako Tsubo

Herr Ham leidet. Woran? Schlicht und einfach an seinem Herzen. Doch es gibt einen Ausweg, denn Herzentfernungen sind, laut dem Arzt, der ihm gegenübersitzt, „heutzutage überhaupt kein Problem mehr”. Doch die Trennung fällt Herrn Ham nicht leicht. Er fragt, ob er noch etwas Zeit mit seinem Herzen verbringen kann, welches er nach der Entfernung grübelnd in seiner Hand betrachtet. Subjekt? Objekt? Ein unaufhörlicher Blutstrom, der aus dem Loch in seiner Brust strömt, überschwemmt den OP und wird selbst zu einem See in einer Landschaft. Schimpfend wischt der Arzt die Sauerei mit dem Wischmopp auf. Auch das Herz setzt zu einer gedichtartigen Wut-Tirade an. Am Ende betrachtet Herr Ham mit einer lungenlosen Mitpatientin, die aus dem Blutsee emportaucht, Zigarette rauchend und in der neu gewonnenen Sorglosigkeit den Sonnenuntergang, während sich alles rot färbt. Unversöhnlich singt Mary Ocher noch ihren Track „Sweet Charity” - das war’s. Mit einfachen Mitteln erzählt uns Tako Tsubo, was auch für das gebrochene Herz-Syndrom steht, von einer zeitgemäßen Sehnsucht: kann man sich seiner lästigen und belastenden Gefühle entbinden wenn man die perfide Gleichzeitigkeit von Weltgeschehen und persönlichen Momenten nicht erträgt? Mittels Illustrationen, in denen nur Münder oder wenige Elemente sich bewegen, mit puristischem Sounddesign und lethargischen Dialogen gelingt den beiden Filmemacherinnen Eva Pedroza und Fanny Sorgo ein souverän erzähltes und witzig-böses Kunststück ohne eine positive Wendung oder Lösung anzubieten.

BKM-PM
Bull's Heart

Am Rande einer anonymen Großstadt, im Hochsommer, bei Nacht. Der Vater auf Route als Taxifahrer. Ein Telefonat mit seiner Tochter, die im Heimatland geblieben ist. Ein kurzes, zugewandtes Gespräch über Zukunftsträume.
Der Sohn ist heimlich verliebt. Seinen Freund warnt er vorm Vater und legt auch für uns Zuschauer*innen beiläufig eine falsche Fährte. Denn Queerness hat in dieser Familie, die unter dem Stern der Zärtlichkeit steht, einen Platz. So auch das gemeinsame Nehmen von Hürden, denn von diesen gibt es etliche für die migrantische Familie im
russischsprachigen „Gastland“. Szene für Szene, in einfachen Alltagssettings, in den vermeintlich „einfachen Verhältnissen“, in denen die kleine Familie lebt, erzählt BULL’S HEART in dichten Momenten, Gesten und Sounds von der Sorge füreinander, von einem Generationenverhältnis, und von großen Herzen. Ein transnationaler Kurzfilm, der uns auf die hoffentlich noch kommenden Regiearbeiten von Margarita Bagdasaryan neugierig macht.

BKM-PM