Kurzfilmpreis unterwegs

kurz.film.tour 2026

 

 

  

Sechs Filme haben den deutschen Kurzfilmpreises 2025 gewonnen. Die Jury hatte aus 245 Einreichungen eine Auswahl von 12 Kurzfilmen nominiert. Wir zeigen euch im Rahmen der "kurz.film.tour 2026" eine 110-minütige Auswahl bestehend aus vier preisträgekrönten Filmen und drei drei Nominierungen der Kategorien Spielfilm, Animation und einer Dokumentation.

 

 

 

 

 

 

 

Die Filme im Einzelnen:

 

SPÄTSOMMER 91

MAMA MICRA

AT HOME I FEEL LIKE LEAVING

RÜCKBLICKEND BETRACHTET

MOTHER IS A NATURAL SINNER

MAJINI

DETLEV

 

Dauer: 110 Minuten; siehe weiter unten

 

Mittwoch, 4.11.2026 20:30 Programmkino Rex
Spätsommer 91

Ein Partyszenario in der ostdeutschen Provinz. Festgehalten auf VHS, in amateurhafter Manier. Bildkomposition egal, wichtig ist der Moment. Es ist SPÄTSOMMER 91. Die Trivialität des Privaten ist eine der Stärken dieses Films. Mit ironisch-lakonischer Verve beschreibt der Autor selbst aus dem Hier und Jetzt das Geschehen von damals und entwirft dabei einen unterhaltsamen Kommentar und gleichzeitig eine subtil-kritische Allegorie auf den „Blues“ der Nachwende-Zeit. Ein scheinbar kleiner Film, der an das Erinnern erinnert. An das Erzählen mit einfachen Mitteln. Und daran, dass Kurzfilm längst nicht nur Sache des Nachwuchses ist. Kurzfilm ist eigenständig wie eigenwillig. Kurzfilm kann Humor, ohne lustig sein zu wollen. Kurzfilm ist nicht zufällig. Konzipiert, geschrieben und montiert von Olaf Held. Produziert und präsentiert von der Chemnitzer Filmwerkstatt — seit vielen Jahren dem kurzen Film und der Liebe zum Filmemachen eng verbunden. Eine kreative Kombination, die es auf dem Radar zu behalten gilt!

BKM
Mama Micra

MAMA MICRA ist das Porträt einer Frau, die sich entschied, sie selbst zu werden. Der Film erzählt vom Suchen und Finden, von Abenteuer und Einsamkeit, von Wohnungslosigkeit und Freiheit, von Mutter und Tochter und schließlich vom Sterben. All dies ohne zu überfrachten und mit einer Virtuosität in der Wahl der Mittel, die beeindruckt.
Dokumentarisch aufgezeichnete Gespräche werden kombiniert mit elegant kadrierten, teils impressionistisch flirrenden Bildern. Die Lichtsetzung ist so gekonnt, dass man die Temperatur in den gebauten Szenerien förmlich spüren kann und das Timing in Schnitt und Animation ist auf dem Punkt. Aus Wolle filzt die Regisseurin ein realistisch anmutendes Porträt ihrer Mutter, während sie sich selbst als Rabe darstellt. Sie findet so bildliche Metaphern, die die verschiedenen Erzählungen dieses komplexen Lebens geschickt verdichten und verweben. Man kann erahnen, wie viel Schmerz es auf beiden Seiten gab. Dieser Film ist ein ehrlicher, schonungsloser, von Wärme und Liebe getragener Nachruf auf eine außergewöhnliche Frau.

BKM
At Home I Feel Like Leaving

Mit großer Sensibilität erzählen die Filmschaffenden die Geschichte einer jungen Frau, die in ihr Heimatdorf zurückkehrt, um sich um ihren infantilen Vater zu kümmern. Visuell stark, zugleich angenehm unaufdringlich und ohne das Provinzleben zu beschönigen oder zu glorifizieren, gelingt es dem Film, die Zuschauenden Stück für Stück in die fast hermetisch geschlossen wirkende Welt seiner Erzählung hineinzuziehen. Das reife Zusammenspiel aller filmischen Gewerke, ein starkes Ensemble, angeführt von einer herausragenden Hauptdarstellerin, und die authentische Komparserie in der Tiefe der Bilder, formt das stimmige Gesamtbild des fiktionalen Dorfes. Somit gelingt diesem Film die feinfühlige Erzählung einer Annäherung an die Heimat, an den eigenen Vater, an die vergangene Jugend und Kindheit. Was bleibt, ist ein warmherziger Film von leiser, aber nachhaltiger Kraft, der zur Versöhnung mit der eigenen Biografie und Identität anregt.

BKM
Rückblickend betrachtet

Nach 1936 präsentiert sich Deutschland Anfang der 1970er Jahre erneut als Gastgeber der Olympischen Spiele. „Waldi“, ein bunter Stoffdackel, soll Leichtigkeit, bayerische Gemütlichkeit und ein weltoffenes Land verkörpern. Doch es kommt anders: Eine Geiselnahme der israelischen Mannschaft verläuft tödlich. Zurück bleiben architektonische Zeichen des Fortschritts — ein schwebendes Zeltdach, sowie das Olympia-Einkaufszentrum an der Hanauer Straße, seinerzeit die größte Shoppingmall Europas. Errichtet wurde es von angeworbenen Arbeitenden aus Italien, Jugoslawien und der Türkei, die den Wohlstand mit aufbauten, aber selten Teil von ihm wurden. Mit dem Ende des Wirtschaftsbooms tritt der Rassismus noch offener zutage. Semra Ertan, Dichterin und Aktivistin, verbrennt sich Anfang der 1980er Jahre aus Protest gegen den allgegenwärtigen Hass. Jahrzehnte später, 2016, fallen neun junge Menschen mit Migrationsgeschichte einem rechtsterroristischen Anschlag am Olympia Einkaufszentrum zum Opfer. RÜCKBLICKEND BETRACHTET ist ein lang nachhallender Essayfilm, der archivarisches und eigenes Material übereinanderschichtet zu einem Trümmerhaufen deutscher Nachkriegsgeschichte.

BKM
Mother Is a Natural Sinner

Direkt aus den Tiefen des Mutterleibs kommt die Geschichte, die uns das talentierte Regie-Duo Hoda Taheri und Boris Hadžija auf der Leinwand serviert: Ein Frauenkörper in seiner vulnerabelsten Form, gestreckt auf einem gynäkologischen Stuhl, Schwangerschaft in der achten Woche. Der Körper gehört Hoda, einer in Deutschland lebenden Iranerin. Ob sie und ihr Partner Hadi bereit für ein Kind sind, weiß sie noch nicht, aber sie hat Fragen: An ihre Mutter zu ihrem verstorbenen Vater und seiner (nicht gelebten) Sexualität. An Hadi zu seinen Begierden, Ängsten und fehlenden Erfahrungen. An den eigenen Körper, den sie in lustbefreiten, doch neugierigen Bewegungen zu erforschen scheint. Beim Essenzubereiten zerlegt sie nicht nur ein Huhn, sondern auch die unbeholfenen Argumentationen ihres Partners, der die gesellschaftlichen Normen in Sachen Geschlechterverhältnisse und Sexualität nie hinterfragt zu haben scheint. Eine bemerkenswerte Kamerafahrt und minutiös geplante Einstellungen, gepaart mit klugen, humorvollen Dialogen — in Kurzform: großes Kino!

BKM
Majini

Eine Gruppe Kinder spielt selbstvergessen im Meer, im Hintergrund ist ein Boot zu erahnen. Die Leichtigkeit der Eröffnungsszene wird abrupt gebrochen, als die Kinder in einem spielerischen Wettkampf zum Boot schwimmen — nur einer bleibt zurück. Joshua Neubert und Victor Muhagachi inszenieren die Geschichte um zwei Brüder in einem Fischerdorf, die für ihren kranken Vater aufs Meer zum Fischen hinausfahren, lebendig und mit viel Gespür für sensible Zwischentöne. Das ausdrucksstarke Spiel der Darsteller trifft auf eine vielschichtige Erzählung, die einen Vorfall auf offenem Meer, der sich zwischen den Brüdern ereignet, zu einer existenziellen Metapher werden lässt: Es geht um Angst. Angst vor der Tiefe des Wassers. Vor den eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten. Davor, die Erwartungen nicht zu erfüllen. MAJINI ist ein emotionaler, tief berührender Film über Familien- und Geschwisterdynamiken, Glaubensfragen und das Erwachsenwerden; über die Bürden der Männlichkeit und
unterdrückte Gefühle. Und über die Kraft, über sich selbst hinauszuwachsen.

BKM
Detlev

Ein Animationsfilm, der durch seine eigenwillige Mischung aus lakonischem Humor, liebevoller Bildgestaltung und wendungsreicher Skurrilität besticht. In der Figur des ständig frierenden Detlev wird ein Mensch gezeigt, der zwischen Isolation, Sehnsucht und Alltagsritualen gefangen ist — und doch in einem unscheinbaren Toast Hawaii einen letzten Rest von Geborgenheit findet. Die Begegnung mit dem Fremden markiert einen subtilen, aber existenziellen Bruch: Hier wird die fragile Balance von Intimität und Scham, von Bedürfnis und Einsamkeit auf beklemmende Weise ausgelotet. Dem Film gelingt es, von mehr als der Zerbrechlichkeit menschlicher Routinen zu erzählen — er schafft es, einen eigenen Bedeutungsraum zu öffnen. Auf wundersame Weise verwebt sich in dieser Geschichte ein sozialkritisches Element mit filmischer Leichtfüßigkeit. Mit präziser Dramaturgie und atmosphärisch dichter Animation gelingt es dem Film, sich ins Surreale zu überhöhen und das Vielschichtige witzig sichtbar zu machen. Klassische Stereotype wachsen buchstäblich über sich hinaus: so auch Detlev. Aber ist das die Pointe? Nach diesem Film bleibt irgendwie auch eine sehr gelungene Leerstelle, mit der wir nach Hause gehen.

BKM